Magdeburg l Die Regisseurin und ihre Ausstatterin Mareile Krettek setzen die Geschichte durch Kostüme und Bühne deutlich in die Gegenwart. Das Wirtshaus ist eine Hotelbar, an der alle handelnden Personen sitzen. Die Damen und Raphael Gehrmann gewanden sich immer wieder zurück in die Lessingzeit und spannen damit den Zeitrahmen noch einmal unmissverständlich von heute zu damals und von damals zu heute. Zugleich signalisiert das Regieteam drastisch die Nähe des Kriegs: Leichensäcke liegen wohlgeordnet am Bühnenrand. Nicht nur Tellheim ist verwundet, Just sitzt sogar im Rollstuhl. Tellheim will einen Krüppel entlassen!

Bettina Bruinier inszeniert nicht mit lockerer Hand Komödie über die Konflikte hinweg. Sie befragt den Text auf die tatsächliche Situation und lotet die Befindlichkeiten der Figuren sehr konkret aus. So zeigt Raimund Widra den Tellheim als zutiefst verbitterten Menschen, befangen in starren Wertevorstellungen. Als sich die Situation scheinbar verändert hat, kämpft er um Minna, aber eben weil die Sachlage sich nun anders darstellt, nicht weil er die Liebe über die Ehre setzt.

Geben nur die im Krieg geltenden Tugenden ihm Richtschnur im Leben? Sybille Weiser als Minna muss das schmerzhaft erkennen. Aus dem verliebten Mädchen wird eine erschütterte, verzweifelte Frau. Ein harmonisches zukünftiges Zusammenleben ist durchaus nicht garantiert.

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Ein spielfreudiges Ensemble

Die Regie meidet Lessings eindeutiges Happy End. Es kommt kein Graf Bruchsal. Das Liebespaar rennt einfach ab. Und auch Franziska (Marie Ulbricht) und Werner (Konstantin Marsch) gehen deutlich desillusioniert in die Beziehung.

Dennoch ist hier nicht szenische Tristesse angesagt. Die Inszenierung weist eine Reihe von stimmigen theatralischen Einfällen auf, die sie im Heute verorten und dem Spaß am Theater Raum öffnen. Wenn der Wirt (Sebastian Reck) Minna und Franziska nach ihrem Woher und Warum befragt, transformiert sich das Prozedere in eine Parodie des allgegenwärtigen Abhörens. Die Mehrfachbesetzung von Raphael Gehrmann als Lessing (das entschlüsselt sich nur über das Programmheft), Riccaut de la Marliniére und Just, die direkte Ansprachen ans Publikum und die verhaltene musikalische Untermalung per Live-Musik verleihen dem Abend immer auch Leichtigkeit.

Zudem verfügt Bettina Bruinier über ein vorzügliches, spielfreudiges Ensemble. Alle Darsteller pflegen einen Gestus, der jedes neckische Geplänkel vermeidet, aber die literarische Sprache des Dichters zum selbstverständlichen Umgangston der Figuren werden lässt. Besonders die Zwiegespräche Minna/Franziska profitieren davon.

Ungeniert über Leichensäcke

In der Ausdeutung des Abends stellen sich jedoch Fragen. Die traditionell zentrierten Konflikte von Liebe und Ehre, Vermögen und soziale Stellung oder Ehre statt Geld in „Minna von Barnhelm“ werden bedient, aber kippen ab in Themen, die in einem subversiven Untertext eine Wirkung entfalten, deren Einordnung enorme geistige Arbeit erfordert.

Und hier kommen die Leichensäcke ins Spiel. Wenn Gehrmann als Riccaut de la Marlinière auftritt und in einen solchen schwarzgrauen Sack schlüpft, bevor er die gute Nachricht von der Rehabilitierung Tellheims überbringt, fragt man sich, ob da ein Komplott ausgeführt wird, Tellheim zu betrügen, weil aus allen Kriegen nichts Gutes kommt.

Anderseits legt Minna sich hingebungsvoll auf die Leichensäcke, und die Akteure laufen ungeniert darüber hinweg, wälzen sich auch mal darin. Später fallen weitere Leichensäcke aus dem Schnürboden und decken alles zu. Aber man wurstelt sich daraus wieder hervor.

Die Inszenierung wagt viel, denn sie liefert sich aus, auf der gegenwärtigen vielfältig schillernden Folie mannigfach interpretiert zu werden: Im Frieden verschleißen die Normen, Moral ist nur Geschwätz, denn wir gehen unseren Interessen und Gelüsten auch nach, wenn wir uns zwischen Leichensäcken bewegen.