Magdeburg l Es ist ein Ein-Personen-Stück in einem Quadrat voller Papierseiten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Doch der Schauspieler Christoph Förster macht daraus eine ganze Welt, mit zahlreichen Akteuren, mit Tieren, die sprechen und Briefe schreiben können, eine Welt, in der er liebt und verachtet wird, in der er Bleistifte für den Staatssekretär anspitzt und durch den Abteilungsleiter „hindurchsieht“, in der er mal zum Minister oder auch zum spanischen König wird. Ständig überschreitet er die Grenzen zwischen der Phantasie und der Wirklichkeit, der scheinbaren Wahrheit.

Doch was ist wahr? Und was ist falsch? Wer bestimmt, was wahr ist? Und was ist, wenn viele meinen, es sei wahr, obwohl es falsch ist? Wird es dann Wahrheit?

Verloren in Eintönigkeit

Christoph Förster schafft es mit bewundernswerter Leichtigkeit, alle diese Widersprüche, Fragen, Zweifel, Hoffnungen und Wünsche in der Gedankenwelt des Ministeriumsmitarbeiters und Bleistiftanspitzers Propistschin, in dem Quadrat voller Papierseiten mit Datum und „sauberem“ Beamtendeutsch, zu vereinen. Innerhalb diesen mit einem klaren weißen Strich umrissenen fünf mal fünf Meter ist er der Verlorene in der Eintönigkeit des täglichen gleichen Geschehens, das ihn zum Wahnsinn treibt.

Im beinahe schmerzhaften stummen minutenlangen Sortieren der unzählig vielen Papierseiten lässt Christoph Förster das Publikum an dem teilhaben, was Menschen, nicht nur Propistschin, zum Wahnsinn treibt.

Akteure kennen sich gut

Doch sobald er aus dem Quadrat heraustritt, wächst er zu Größe, zu fordernder Aggressivität, kann endlich einmal einen eigenen Willen haben. Es ist eine grandiose schauspielerische Leistung, die Christoph Förster in diesem satirischen Psychogramm abliefert, gepaart mit einer nicht minder großartigen Regie von David Czesienski aus dem Regiekollektiv „Prinzip Gonzo“. Dieses Kollektiv verspricht in jedem Fall außergewöhnliche Theatererlebnisse, denn es „ verbindet … das Bekenntnis zu Arbeitsweisen, die sich dem reaktionären Regie-Despotismus entgegenstellen und an die genialische Kraft der Gruppe glauben“.

Die Inszenierung von Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ hat schon vor fast zehn Jahren in Berlin am Maxim-Gorki-Theater für Aufsehen gesorgt. Damals waren sowohl Förster als auch Czesienski noch Studenten, aber sie kennen sich gut, und man spürt förmlich den Gleichklang in der Spielauffassung, der einfach notwendig ist, um eine solche künstlerische Qualität zu erreichen. Als sie den begeisterten Applaus der Zuschauer entgegennehmen, haben sie ein Bild mit Trauerflor in ihrer Mitte. Es zeigt den in Magdeburg geborenen Werner Buhss, der das Gogol-Stück ins Deutsche übertrug und wenige Tage vor der Premiere des Stücks in seiner Geburtsstadt verstarb.

Die Inszenierung hinterlässt sehr viel Nachdenklichkeit. Das Lachen während des Geschehens ist nicht selten bitter, das Aufbegehren des „Wahnsinnigen“ macht ihn sympathisch, ohne ihn zu bedauern.

Das System ist krank

Diese gesamte Ambivalenz, die Propistschin in seinem Denken vereint, wird von Christoph Förster so feinfühlig und nuancenreich wiedergegeben, dass auf höchst menschliche Weise klar wird: Nicht der Mensch, sondern das System ist krank.

Offen bleibt die Frage, ob der Keim der Krankheit vorhanden sein muss, um innerhalb der Umstände auszubrechen, oder ob es allein das System ist - das nicht immer nur überbordende Bürokratie und Kriechertum sein muss - jeden befallen kann. Kafka lässt grüßen!

In einer Welt, in der kritisches Denken das einzige Mittel ist, um sich gegen Verführungen des organisierten Wahnsinns zu wehren, gehört dieses Gogol-Stück zum Pflichtprogramm.

Weitere Vorstellungen: 30. Oktober, 9. November und 18. Dezember im Schauspielhaus Magdeburg.