Magdeburg l Ein schlammiges Flussufer, mannshoch Schilf und Binsen, dazwischen irrlichtern Taschenlampen. Schließlich finden die Leute die tote Katja. Das Unentrinnbare ist gezeigt, noch bevor die kurze Ouvertüre zu Ende ist. Man könnte es in ihr hören, aber so ist es besser. Man weiß Bescheid.

Katja, die vor kurzem noch ein Mädchen war, das heiter träumte, wie die Vögel fliegen wollte und in der Kirche vor lauter Andacht in Ohnmacht fiel, ist nun Kaufmannsgattin. Ihr Mann Tichon ist ein trunksüchtiger Schwächling, die Schwiegermutter Kabanicha führt das Regime. Katja wagt in ihrem Elend einen verliebt-verquälten Seitensprung. Es ist keine aufregende Handlung, die Leoš Janaček aus Alexander Ostrowskis Schauspiel über russisches Kleinstadtleben unter ausbeuterischen Kaufmannsdynastien destilliert hat. Das Drama spielt in Katja selbst. Sie glaubt an Liebe und Treue in der Ehe, an die Pflicht zur Reinheit vor Gott und will nach ihrer Moral leben. Sie glaubt auch an Sünde, Strafe, Sühne. Katjas innerer Reichtum wird in ihrer Musik offenbar.

Anna Skryleva hat all die Feinheiten, Zärtlichkeiten, Liebenswürdigkeiten, die Janaček für Katja komponierte, in weich schwingenden Linien zutage gebracht. Sie dirigiert eine Seelenmusik; der Sentimentalitätsfalle ist sie dabei entgangen. Die Tempi sind gezügelt, die Tongebung geschmeidig, der Gesamtklang hat immer einen menschlich mitfühlenden Grundton. Die Holzbläser hatten Sternstunden, das ganze Orchester klang gleichzeitig frisch und sanft. Eine skurril-satirische Szene zwischen dem tyrannisch moralpredigenden, dabei gewohnheitsmäßig sündigenden Heuchler-Duo Kabanicha und Dikoj hätte indes einen Hauch greller ausfallen können.

Bühnenbild als Kontrast zur Musik

Das Kontrastprogramm zum weichen Klang aus dem Graben bot Leslie Travers’ Bühnenbild. Gestrüpp, Schlamm, ein bisschen Müll unten am Fluss und darüber eine krachend rostige Brücken- und Lagerhallenkonstruktion. Bedrückende Dunkelheit, spaltgroße Lichtblicke, Auf- und Abfahrten des eisernen Ungetüms sind hervorragend bespielbar. Kostüme und Requisiten zeigen späte Sowjetunion, Provinz mit mittelgroßer Industrie an der Wolga. Moskau ist der ewige Sehnsuchtsort.

Das junge Paar Warwara – Emilie Renard mit einer kurzen, aber betörend schön gesungenen Partie – und Kudrjasch – Peter Diebschlag mit Gitarre, einem flotten Liedlein und klangschönem Tenor – macht sich dorthin auf. Katjas Liebhaber Boris trifft es härter, er wird in Geschäften nach Sibirien geschickt. Richard Furman singt ihn lyrisch hingebungsvoll, manchmal so intensiv hingerissen und betörend, dass man den wortreichen, dabei tatenarmen mittleren Schöngeist förmlich hört.

Die Kabanicha ist eine Paraderolle für Undine Dreißig. Sie gestaltet weder eine engstimmig sittenstrenge Frömmlerin, noch poltert sie einen Hausdrachen auf die Bühne. Sie lässt einfach die leibhaftige Bosheit erklingen.

Noa Danon singt unschuldsweiß

Noa Danon singt anfangs so unschuldsweiß, wie ihr Kleid ist, lässt ihre Mädchenzeit herzzerreißend lyrisch aufleben – Höhepunkt des Abends – schwingt sich zur angstvergifteten Verliebtheit auf, versinkt schließlich in Schuldgefühl und Verzweiflung. Danons Gesang bleibt auch darin bei großer Intensität immer menschlich-wahrhaftig, keine Sternenflüge, keine Hysterie. Eine bejubelte Leistung.

Glaubwürdige Personenführung, perfekter Umgang mit der Bühne, nichts Gewolltes. Das muss man können. Regisseur Stephen Lawless hat es erneut souverän bewiesen. Und „No Brexit“ auf dem Verbeugungs-T-Shirt ist doch mal ein Statement.