Magdeburg l Wenn Orpheus im antiken Rhodopen seine Lieder sang, versammelte sich alles, um ihm zu lauschen – Menschen, Vögel, wilde Tiere, sogar Bäume und Felsen. Es herrschte Einigkeit im Glücke. Ganz anders auf dem Zeltplatz an der Ehle, wo die Olvenstedter Amateurschauspieler für ihre „Orpheus“-Inszenierung proben. Die wollen keine Zugereisten, weder aus Gerwisch noch anderswoher. Es dauert ganze zwölf Minuten, bis das Wort „Asyl“ fällt. Autor Dirk Heidicke packt seine Geschichten immer in aktuelle Zusammenhänge. Diesmal sind es Asylsuchende. Und schon kommen die ersten ausländischen Darsteller auf die Bühne und damit sämtliche Vorurteile.

Während es im Vordergrund „welcome“ heißt, wird im Hintergrund alles Mögliche – und Unmögliche – in Sicherheit gebracht. Der Spalt zwischen Komik und Ernst ist schmal. Die Diskrepanz wird entschärft durch die Figur des Achim, über die man einfach lachen muss, obgleich sie sich danebenbenimmt. Es entspinnt sich ein charmant-chaotisches Durcheinander, wie es vom Publikum geliebt wird. Es spielt der „Protaktionist persönlich“ den Orpheus – und vier andere auch. Wer ist der Richtige? „Es geht um Ausstrahlung, Leidenschaft!“, brüllt Achim (immer wieder herrlich: Michael Günther). An seiner Seite die wandlungsfähige Susanne Bard alias Beate Braune, die sich zwar diesmal nicht so oft die Haare macht, dafür aber als Natter glänzt.

Orpheus lockt aus der Ferne

Olvenstedts Orpheus lockt wie das Original Lebewesen aus der Ferne – aus besagtem Gerwisch zum Beispiel (Felix-Fabian Hallmann, besonders schön als Adler) und Susi aus Sömmerda (wunderbar: Beate Fischer). Schließlich spielen auch die Flüchtlinge mit. Geht es doch „Um die Menschen hier!“, in Harmonie gebracht von Regisseur Basti Wiese (bewährt zerrissen-tapsig: Gerald Fiedler).

„Wir schwimmen in Fördergeldern – wir haben Flüchtlinge dabei“, ist allerdings ein rein theatralischer Satz. Wie sein Alter Ego Hagen betreut Eckhard Doblies junge Zugereiste aus anderen Ländern und hat einige mitgebracht. Sie spielen im Stück sich selbst und bilden eine interessante Ergänzung.

Gekrönt wird das Ganze durch den Besuch des syrischen Botschafters und des Beauftragten für Integration und Migration. Die waren ursprünglich gar nicht vorgesehen. Dirk Heidicke hatte das Finale umgeschrieben, nachdem sich Mahamad Issa und Basel Mouselli als Mitwirkende angeboten hatten. Die syrischen Männer mit Schauspiel-Erfahrung besuchen in Sichtweite einen Sprachkurs und hatten die Kammerspiele bei den Proben entdeckt. Ihr Auftritt wird zu einem Highlight des Abends. Insbesondere der arabisch-sprachige Wortschwall, interessant übersetzt, wird ein Erlebnis.

Wenn am Ende alle Darsteller gemeinsam „We are the world“ singen, stimmt das Publikum zumindest klatschend mit ein. We are the world, wir sind die Welt, alle, gemeinsam, egal aus welchem Land. Das kann einfach sein, wenn es Olvenstedt probiert. Minutenlanger Applaus beendet den Abend nach zweieinhalb unterhaltsamen Theaterstunden.

Aufführungen noch bis Sonntag im Forum Gestaltung, Magdeburg, Brandenburger Straße 10.