Magdeburg l Wann genau die Mythen entstanden sind, auf die sich rund 500 Jahre vor Christus im alten Griechenland schon Platon und Sokrates berufen, weiß wohl niemand. Sicher ist aber, dass sie eine Bedeutung bis in unsere Zeit haben, denn sie waren das Werkzeug, um die Loslösung von den Göttern und die Unterscheidung von Fremd- und Eigenbestimmtheit, die mit Rationalität nicht erklärbar ist, anschaulich zu machen. Und sie sind der Stoff der Tragödien, die in Athen zur Zeit des Sophokles und Aischylos enorme politische Bedeutung bei der Ausformung der Demokratie haben.

Das ist auch der Ansatz, den Cornelia Crombholz unmittelbar nach der Bundestagswahl für ihre Inszenierung der drei Tragödien in einem Stück wählt. Dabei werden der Fluch des Laios, der sich auf das gesamte Geschlecht der Familie auswirkt, mit dem Krieg gegen Theben und dem Aufbegehren der Antigone so miteinander verwoben, dass praktisch ein völlig neues Stück entsteht, das zwar mit den klassischen Vorbildern nicht bricht, aber die einzelnen Ereignisse sehr unterschiedlich interpretiert.

Unterstützt wird das durch ein bestechend einfaches Bühnenbild mit einem steil ansteigenden Steg in die Reihen der Zuschauer. Das ermöglicht die unmittelbare Ansprache in entscheidenden Momenten an das Publikum, mal als Aufforderung endlich zu handeln, mal als Hilfeschrei vor der Allmacht der Götter oder dem Flehen, vor den Folgen des brutalen Krieges gegen Theben zu schützen.

Tragödie greift aktuelle Fragen auf

Alle drei Stücke haben dabei eine eigene Funktion. Ödipus, Opfer und Täter in einer Person, wird als Säugling ausgesetzt, um dem Fluch, seinen Vater zu töten und mit seiner Mutter Kinder zu zeugen, zu entgehen. Hier ist aber die Macht der Götter noch ungebrochen, und es kommt alles, wie es das Orakel von Delphi, das Sprachrohr der Götter, prophezeit. „Sieben gegen Theben“ bezieht sich auf die sieben Tore der Stadt und die Frauen, die mit ihrem Klagen und Flehen gleichzeitig anklagen, dass es vor allem die Frauen sind, die im Krieg als Erste leiden. Ursache: Eteokles hat unrechtmäßig den Thron bestiegen und muss nun die Stadt gegen seinen wütenden Bruder verteidigen. Und wieder erfüllt sich der Fluch: Die Brüder töten sich gegenseitig.

In „Antigone“ werden die Bezüge zur Gegenwart in der Inszenierung am deutlichsten. Wie weit darf das Gesetz die Normen der Menschlichkeit verbiegen? Wann muss der mündige Bürger den Mund aufmachen, und warum kuschen so lange alle immer wieder? Fragen, die auch 2500 Jahre nach den vermutlich ersten Aufführungen der Tragödien in Athen auch heute gestellt werden können.

Die Inszenierung stellt außerordentlich hohe körperliche und mentale Anforderungen an die 12 Schauspieler über gut zwei Stunden. Die streckenweise exzessiven Ausbrüche, die angesichts der inneren Dramatik hier und da eher störend wirken, mindern darüber hinaus die Verständlichkeit des Textes. Das ist angesichts der kraftvollen antiken Sprache schade.

Minimalistische Bühnenausstattung

Ganze Passagen werden als Sprechchöre in der Einstudierung von Alexander Weise (Chorleiter) und David Schwarz (Musik) dargeboten. Diese durchaus interessante und hörenswerte theatrale Form hat viel für sich. Betont man die rhythmische Wirkung des Sprechgesangs allerdings zu sehr, beispielsweise durch mehrere Sekunden lange Pausen innerhalb der Sätze, so geht die inhaltliche Verständlichkeit des Textes verloren. Die Mischung zwischen Inhalt und Form will da genau justiert sein.

Die Darstellung altgriechischer Mythen auf der Bühne in unserer Zeit erfordert sehr viel Gespür für die Verständlichkeit der Botschaft, ohne in antike Klischees zu verfallen. Andererseits ist die fast unglaubliche Tiefe der Gedankenwelt der Philosophie dieser Zeit nicht zu zerstören. Diese schwierige Gratwanderung ist der Regisseurin hervorragend gelungen.

Auch die praktisch zeitlosen Kostüme von Marion Hauer haben dazu beigetragen, ebenso, wie die minimalistische Bühnenaustattung von Marcel Keller. Die „Trilogie der Verfluchten“ ist anspruchsvolles Theater, das Schauspieler und Zuschauer fordert. Man muss sich darauf einlassen, eher Betroffener als Unterhaltener zu sein. Wer diese Anstrengung nicht scheut, sollte die Vorstellung auf keinen Fall verpassen.