Volksstimme: Herr Rahlfs, einem Musical folgt in eigener Regiearbeit ein Drama. Was hat Sie bewogen, in Ihrer ersten Spielzeit zwei so unterschiedliche Stücke zu inszenieren?
Wolf E. Rahlfs: „Cabaret“ war für mich gesetzt, weil es eine Kooperation mit der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie ist. Ich finde es wichtig, dass die Leiter beider Einrichtungen an solch einem Projekt gemeinsam künstlerisch arbeiten. Zudem war es die erste Möglichkeit, mich im Großen Haus mit einer eigenen Regiehandschrift zu präsentieren, und nicht zuletzt hatte ich in meinem allerersten Engagement als Schauspieler die Rolle des Protagonisten Cliff. Da schloss sich für mich ein Kreis.

Und der Handlungsreisende?
Ich bin ein großer Fan der angelsächsischen Dramatik des 20. Jahrhunderts bis heute. Ich finde, sie ist eine gute Stück-Werkstatt. Das zeigt auch der „Tod eines Handlungsreisenden“. Das Drama ist zudem zeitlos. Willy Loman könnte man als einen sogenannten Abgehängten sehen, nachdem er sich 35 Jahre krumm gemacht hat. Dass jemand, der fest daran glaubt, aus eigener Kraft, aus eigener Leidenschaft ein gutes Leben aufbauen zu können und dann aber mit Anfang 60 krachend scheitert, ist ja ein Thema, das nicht nur in der Entstehungszeit des Stückes 1949 verhaftet ist. Das ist heute sehr bei uns.

Volker Schlöndorff hatte den Stoff 1985 mit Dustin Hoffman verfilmt. Er hielt sich stark an die literarische Vorlage. Und Sie?
Wir tun das auch, obwohl wir die Vorlage vollständig ihres naturalistischen Gewands berauben. Arthur Miller gibt viele Regieanweisungen. Die haben wir zu großen Teilen rausgenommen. Das Stück ist sehr figurenintensiv, bei uns ist die Fassung sehr konzentriert und auf sechs Schauspieler zugeschnitten. Wir haben die vier Kernfiguren der Familie, die von jeweils einem Kollegen besetzt sind. Zwei weitere Schauspieler müssen dann alle anderen Rollen übernehmen. Sie agieren in einem sehr abstrakten Raum.

Bilder

Arthur Miller schreibt ja sehr genau, wie er sich das Bühnenbild vorstellt.
Bei uns ist das Bühnenbild eine erhöhte Plattform, um die das Publikum wie in einer Art Box­arena herum sitzt. Es ist ein leerer Raum. Die Schauspieler können sich nicht schützen, sie werden von überall beobachtet. Gehen sie von der Bühne, müssen sie durch die Zuschauer. Das Publikum soll mittendrin sein, wie zu Hause am Esszimmertisch. Ich will es bei diesem familiären Psychokrieg nicht nur als Zaungast haben.

Sie setzen also weniger auf den amerikanischen Traum und stärker auf die zerrüttete Familie?
Wir fokussieren uns sehr auf die Dynamik und die Beziehungen innerhalb der Familie. Der „Tod eines Handlungsreisenden“ ist bei uns mehr Familiendrama als Kapitalismuskritik. Die steckt natürlich mit drin. Arthur Miller hielt sich ja selbst immer bedeckt, worum es nun eigentlich in dem Stück geht, und hat erst Ende der 1990er Jahre in einem Interview gesagt: „It‘s a Lovestory between father and son.“ Es sei ihm weniger um den amerikanischen Traum gegangen. Für mich war das auch der Blick auf den Stoff.

Das Spielzeitmotto Ihres Hauses heißt „Sehnsucht“. Wo sehen Sie die Sehnsucht im „Tod eines Handlungsreisenden“?
Willy Loman sehnt sich nach einem Leben in Freiheit und Glück.

Sie haben die amerikanische Fassung vor sich liegen. Sie arbeiten nicht mit der Übersetzung?
Doch. Aber ich habe das Original immer auf der Probe liegen und lese Szenen parallel. Ich habe fünf Jahre in England gelebt und beherrsche Englisch recht gut. Ich finde, das Original hilft, andere Nuancen zu entdecken. Wenn ich ein Original zu Rate ziehen kann, mache ich das gern. Inszeniere ich zeitgenössische Stücke, versuche ich immer, in Dialog mit dem Autor zu treten. Bei Arthur Miller bleiben der Text und Interviews. Er starb 2005.

Was schätzen Sie an seinem Text?
Ich schätze die Form, die für die Zeit Ende der 40er Jahre sehr innovativ war. Es wird ja gestritten, ob es ein naturalistisches oder ein expressionistisches Drama ist, weil es so viele Tag-Träume beinhaltet, Halluzinationszustände und immerfort zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und herspringt. Miller schafft das aus der Perspektive des Protagonisten so konsequent, dass man als Zuschauer selbst nicht mehr weiß, wo man ist. Er hat diese Wechsel wunderbar in Fluss gebracht. Ich möchte diesen Fluss auf der Bühne haben. Ich denke, das gelingt durch die leere Bühne, Ton und Licht und unsere Spielweise.

Was macht Ihnen mehr Spaß? Solch ein ernstes Stück oder ein eher unterhaltsames Musical?
Ich setze mich gern mit schwierigen Themen auseinander. Ich mag eine Erzählung mit einem ernsten Anliegen. Ich bin aber genauso ein Freund von Unterhaltung, in der ja auch das Wort Haltung zu finden ist.

Premiere ist am 13. Januar um 18 Uhr im Kleinen Haus des Theaters der Altmark. Weitere Vorstellungen: 25. Januar und 24. Februar.