Magdeburg l „Anatevka“ ist ein feines, wenn nicht das feinste Musical, das der Broadway hervorgebracht hat. 55 Jahre ist seine Uraufführung in New York jetzt her. Den Reiz, es mehr denn je gerade heute auf die Theater-Spielpläne zu setzen, machen seine anrührende Story, die liebenswerten Charaktere, seine melancholischen wie temperamentvollen Melodien und sein Humor vor ernstem Hintergrund aus. Die Erschaffer Joseph Stein, Jerry Bock und Sheldon Harnick haben mit „Anatevka“ ein Stück Musikgeschichte geschrieben.

Erik Petersen führte Regie

Umso mehr freut es, wenn eine Inszenierung derart gelingt wie die erlebte unter der Regie von Erik Petersen und der musikalischen Leitung von Damian Omansen. Sie fahren auf, was ein Theater hergibt – klasse Solisten und Schauspieler, glänzend aufgelegte Musiker der Magdeburgischen Philharmonie, verstärkt durch die Folkband „Foyal“, den Opernchor und ein Balletttänzerensemble.

Chorale Wucht

Die ersten Bilder ziehen sofort in den Bann. Die Bühne ist voller Menschen – die Bewohner des Dorfes Anatevka im Jahr 1905, eine jüdische Gemeinschaft in der Ukraine, damals unter Herrschaft des russischen Zaren. Männer, Frauen und Kinder beschwören die „Tradition“, besingen sie, betanzen sie. Chorale Wucht und eine beschwingte Tanzchoreografie lassen Fröhlichkeit bis in die hinteren Zuschauerreihen schwappen. In Anatevka, da steppt der Bär.

Bilder

Kreativ-stimmig hat Kostümbildner Kristopher Kempf die Darsteller gekleidet. Realistisch-traditionell bis hippi-umhäkelt, die Männer in Hemden und Westen, die Frauen in Blusen und langen Röcken. Auf der Bühne von Anja Lichtenegger mit hohen hölzernen Regalen spielt sich mit wechselndem Mobiliar alles ab. Familienleben, Brautwerben und Hochzeit, Kneipenszene und wirrer Traum.

Pralles jüdisches Leben

Auch in der Ausstattung lässt sich die Inszenierung nicht lumpen – aufwändig gestaltet ist jede Szene. In den Wechseln geht´s dynamisch zu. Zu Atem kommt niemand – weder auf noch vor der Bühne. Kurzweil und Spannung drei Stunden lang. Das Geschehen auf der Bühne lässt eintauchen in pralles jüdisches Leben. Dennoch wird früh vom dunklen Schatten über dem Dorf erzählt - von Pogromen und drohender Vertreibung.

Lebensfreude und Humor

Auftritt Tevje - der Milchmann des Ortes, arm am Beutel, reich an Lebensfreude und Humor. Andreas Lichtenberger ist Tevje wie er im Buche steht – warmherzig und verschmitzt, ein liebender Vater. Die Herzen des Publikums fliegen ihm zu, als er den Ohrwurm „Wenn ich einmal reich wär´“ singt, ihn zu seinem Lied macht. Die Figur ist die seine, schauspielerisch ausdrucksstark und einnehmend, die Stimme fest, tief und wohlklingend. An seiner Seite steht Mezzosopranistin Ulrike Dreißig. Deren Gesang sticht hervor, etwa im Liebes-Duett mit Lichtenberger. Sie gibt Tevjes Frau mit Mutterwitz, resolut und lenkend. Die drei heiratsfähigen Töchter, gespielt und gesungen von Manja Stein, Beatrice Reece und Isabel Stüber Malagamba sind überzeugende Solistinnen, genau richtig, um selbstbewusste, mit der Tradition brechende junge Frauen zu geben. Nicht Heiratsvermittlerin Jente (Susi Wirth) soll den Ehemann für sie finden. Liebe ist das Kriterium der Wahl. Damit muss sich ihr Vater Tevje abfinden - zähneknirschend, manchmal auch in herrlich-komischer Zwiesprache mit Gott - Szenen zum Schmunzeln, wie etwa auch die Handschlag-Szene mit Wolf (Johannes Wollrab).

Starke Stimmungen und Schwermut

Bilder fürs Auge hat die Inszenierung etliche parat. In der Kneipe wird gezecht und gelacht. Rossen Takorov, Chan Young Lee und Yong Hoon Cho lassen es als bestiefelte tanzende Russen ordentlich krachen, kraftvoll und mitreißend. Am Ende tanzt es auf der ganzen Bühne, ein Battle ist auszumachen, vom Publikum begeistert beobachtet und beklatscht. Choreografin Sabine Arthold hat ganze Arbeit geleistet.

Und was wäre „Anatevka“ ohne die Musik, gemixt aus Klezmer, russischer Folklore und gefälligen Musicalklängen. Die Magdeburgische Philharmonie ist immer präsent, nicht nur, weil die Musiker im Hintergrund der Bühne sichtbar sind. Das Orchester trägt Sänger wie Chor, agiert präzise, nimmt sich zurück, um dann wieder stärker aufzuspielen. Die Band „Foyal“ setzt das i-Tüpfelchen – in Musik und Bühnenspiel.

Gänsehaut bei Andacht

So vermag es die Inszenierung, mit Musik und Licht, mit Spiel und Gesang starke Stimmungen zu erzeugen. Tevje träumt schaurig in Rot von gruseligen Gestalten. Großes Kino. Gänsehaut verschafft etwa die religiöse Andacht mit Kerzen und Gebet vor dem Sabbat-Essen. Bei der traditionellen Hochzeit ist man gern dabei.

Doch die Schwermut schwingt immer mit. Unabänderlich tritt es ein, das Ende fröhlichen Lebens. Es folgt der erzwungene Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Die Anatevker müssen gehen, werden von ihrem Fleckchen Heimat vertrieben. „Fröhliches, trauriges Anatevka“ erklingt es choral zu ergreifender Melodie. Einige Flüchtende wollen in die USA, andere ins Heilige Land. Denen, die in Europa zu bleiben gedenken, will man zurufen: Nein! Im Wissen, was wenige Jahrzehnte später ausbricht.

Das Musical bietet Komik und Party, Melancholisches und Trauriges. Die Magdeburger Inszenierung berührt auf ganz besondere Weise. Es gibt kein Happy End, dafür viele Denkanstöße. Es braucht keines Zeigefingers, um diese auszulösen.

Weitere Vorstellungen: 9., 26. und 30. Mai. Theaterkasse: (0391) 40 490 490