Halberstadt l Schon wieder eine Premiere in Halberstadt! In deren dichte Abfolge lassen sich die Nordharzer Theaterleute vom mitregierenden Virus jedenfalls nicht ausbremsen. Das ist imponierend. Und stellt durchaus größere Häuser in den Schatten.

Abstands-Routine

Auf den Bühnen in Halberstadt und Quedlinburg hat sich bereits eine gewisse Abstands-Routine eingestellt. Bei Otto Nicolais „Lustigen Weibern“, die Oliver Klöter jetzt in Halberstadt inszeniert hat, bremsen allerdings die Zugeständnisse das Tempo und Gewimmel der Ensembleszenen spürbar aus. Es ist einfach schade, wenn in dem mittsommernächtlichen Stelldichein der Elfen im Schlussbild alle Choristen (Leitung: Jan Rozehnal) stramm stehen und nur ihre Lämpchen kreisen lassen. Aber was soll’s.

Idyllisches England-Klischee

Dieses Windsor hat Andrea Kaempf mit einer altmodischen roten Telefonzelle, einem Londoner Underground-Schild und zwei My-home-is-my-castel-Fassaden ein anheimelnd idyllisches Englandklischee par excellence auf die Bühne gesetzt. Dort schaut - in einer Traumsequenz - sogar die Queen persönlich winkend vorbei. Hier wird die gemeinsame Abreibung für den Schwerenöter Sir John Falstaff von seinen „Opfern“ kollektiv bei einer Tasse Tee ausgeheckt, in der sie natürlich im Takt herumrühren.

Spielpraktische Puppenstuben-Bühne

Diese Puppenstuben-Bühne ist so schlicht wie spielpraktisch. Die beiden Fassadenfronten sind rechts und links über das Portal hinaus verlängert. Bei Bedarf werden sie einfach aufklappt und schon hat man im Handumdrehen den großgemustert tapezierten Innenraum samt Himmelbett, um den dicken Ritter hinters Licht zu führen. Der ist ja bekanntlich so überzeugt von seiner Anziehungskraft als Liebhaber, dass er sich mit gleich zwei gestandenen Frauen verabredet hat. Dass sie gleichlautende Briefe bekommen haben, schmiedet die beiden unternehmungslustigen, aber gelangweilten Ehefrauen Fluth und Reich in einem Bündnis zusammen. Bettina Pierags und Gerlind Schröder machen das beide stimmlich souverän und mit darstellerischem Selbstbewusstsein - auch ihre eigenen Männer haben gegen den Mutterwitz der beiden keine Chance.

Extraportion Geschmack und Eleganz

Falstaff schon gar nicht. Bei dem fingierten Rendezvous verfrachten sie ihn in Halberstadt in eine komfortable Holzkiste. Wohl, weil das einfacher zu machen ist, als in den berühmtesten Wäschekorb der Weltliteratur, der hier eigentlich seinen Auftritt hätte. Wenn dann der eifersüchtige Herr Fluth (bewusst überdreht: Juha Koskela) mit seinen Kumpanen (Gijs Nijkamp gibt sich als Herr Reich etwas vornehmer) anrückt, um nicht nur Sir John, sondern auch seine Frau zu „erwischen“, entkommt Falstaff in der Verkleidung als alte Hexe, die der vor kurzem zum Kammersänger ernannte Bass des Hauses Klaus-Uwe Rein mit ein paar Falsett-Tönen beglaubigt.

Ansonsten belässt Rein mit klugem Maßhalten eines geübten Komödianten seinem Falstaff einen Rest Würde und denunziert ihn nicht. Die beiden gestandenen Frauen behalten auch so die Oberhand. Und Tochter Anna (wunderbar leicht: Bénédicte Hilbert) kriegt mit ihrem Fenton (wenn Max An mit seinem Tenorschmelz richtig aufdreht, versteht man auch warum) sowieso den Mann, den sie will. Junker Sperling und Dr. Cajus, die die Eltern für sie vorgesehen hatten, bleiben am Ende (mit einander) allein. Tobias Amadeus Schöner und Thomas Kiunke machen aus den beiden eh Witzfiguren wie aus dem Bilderbuch. Die Damen freilich können sich bei Andrea Kaempf für ihre Kostüme gesondert bedanken. Hier wird Vergegenwärtigung der Handlung mal nicht mit dem landesüblichen Secondhand-Ramsch behauptet, sondern mit einer Extraportion Geschmack und Eleganz.

Version ist unverwüstlich

Im dritten Akt geraten zwar ein paar (durchaus zum Plot passende) „Me Too“-Schilder zwischen die englische Beschaulichkeit, aber dass in dieser komisch-fantastischen Oper eigentlich auch eine Dosis an abgründigem Potenzial steckt, bleibt nicht nur in der nächtlichen Parkszene gut verborgen. Dennoch ist Otto Nicolais Version der Shakespeare-Komödie letztlich unverwüstlich. Selbst dann, wenn auf Distanz gespielt wird. Dafür sorgen nicht zuletzt Fabrice Parmentier und das Orchesters in seiner Abstandsformation.

 

Nächste Vorstellungen: 23. Oktober und 27. November jeweils um 19.30 Uhr in Quedlinburg.