Berlin l Zwei Tänzerinnen täuschen etwas Tanz vor, als Erinnerung, was man einst im Theater sehen wollte. Doch es dauert nur ein paar Minuten, bis ein Roboter die Regie übernimmt. Und diese ungewöhnliche Besetzung der Hauptrolle könnte ein Grund gewesen sein, dass das Theater HAU 2 in Berlin-Kreuzberg an diesem Abend ausverkauft ist, freilich in verordneter Corona-Sitzordnung.

Die serbische Künstlerin Dragana Bulut greift in ihrer aktuellen Arbeit „Future Fortune“ auf den Tschechen Karel Čapek zurück, der für sein Theaterstück „R.U.R.“ das Wort „Roboter“ prägte und damit für immer im Gedächtnis der Menschheit bleiben wird. Bei Čapek rebellieren die künstlichen Menschen, die man in Tanks züchtete und die dann als Roboter Fronarbeiten verrichten mussten.

„Pepper“, wie der Bühnenstar heißt, ist dabei kein „Replikant“ wie die völlig menschengleichen Roboter aus dem legendären Zukunftsfilm „Blade Runner“ von Ridley Scott. Buluts Roboter ist nicht größer als 1,20 Meter, er läuft nicht, sondern fährt auf Rollen. Pepper hat ein paar Tricks drauf: Er tanzt mit einer Drohne und spielt Luftgitarre, das Quiz gegen zwei Zuschauer- innen gewinnt er locker, aber vom Honda-Roboter „Asimo“ hat man schon 2011 Besseres gesehen. Dennoch amüsiert man sich.

Aus einer bestimmten Perspektive kann „Future Fortune“ aber als Stück der Stunde gelten. Nicht, weil es übermäßig brillant ist. Der Grund liegt darin, dass der Roboter die Bühne übernimmt und zumindest für 60 Minuten das Publikum besser unterhält, als man es für möglich gehalten hätte. Braucht man das menschliche Personal noch?

Man denkt dabei automatisch an die seit gestern wieder geschlossenen Theater, Museen und Clubs. Selbst in den durchsubventionierten Einrichtungen, von denen einige über den breite Anwendung von Kurzarbeit und dem Einsparen von teuren Gast-Honoraren ihre finanzielle Bilanz sogar stabilisieren konnten, macht sich langsam Panik breit: Man fürchtet, dass das Publikum bei der erhofften Rückkehr in den Normalmodus ausbleiben könnte: In einer Krise denken die Menschen eher an ihre materielle Existenz und weniger an Kunstgenuss auf höchstem Niveau. Bei halbleeren Häusern wäre es nur eine Frage der Zeit für die gefährliche Diskussion, warum die Hochkultur Millionensubventionen einstreicht, während die freie Szene den Bach runtergeht.

Die deutsche Kunst- und Kulturszene muss erkennen, dass die Bundesregierung die Branche keineswegs als systemrelevant einstuft. Dies irritiert die Kreativen umso mehr, weil man die Politik von Angela Merkel auch in kritischen Phasen immer stark unterstützt hat. Das zählt offenbar nicht mehr.

Peppers Fähigkeiten, der im Übrigen wegen bald „Roboterdiskriminierung“ aufbegehrt, dürften dennoch nicht die Zukunft des Theaters darstellen. Die Frage, die Dragana Bulut in ihrer Performance stellt, bleibt aber im Raum: „Ist die Zukunft bereits durch die Gegenwart vorherbestimmt?“