Magdeburg l Das Stück erzählt in kurzen Dialogen und in nahezu zwanzig Liedern Ereignisse im Leben des Paares Paul (Ralph Opferkuch) und Emma (Carmen Steinert). Der Text bewegt sich weitab von Versatzstücken und Alltäglichkeiten und ist voller künstlerischer Einfachheit. Die Sprache zwischen dem Gesang ist sehr genau und erschafft ohne jegliche Umschweife die jeweilige Situation. Die Worte schildern die Liebe zwischen Paul und Emma auf den Punkt konkret. Paul ist einer, der von Kindheit an spürt, sein Schicksal heißt Musik, Emma studiert auf Lehramt im Fach Mathematik.

Ralph Opferkuch und Carmen Steinert bringen die Befindlichkeiten der beiden Protagonisten wunderbar leicht rüber und wechseln gekonnt in andere Personen, die Rollen in ihrem Leben spielen, ohne dass der Zuschauer irritiert wird.

Die Geschichte der Zuneigung der beiden Liebenden vollzieht sich in einem straffen Spannungsbogen. In allen Sprechpassagen spürt man die vibrierende Musikalität, die die Inszenierung dominiert, denn diese Liebe erfährt ihre tatsächliche Darstellung in Liedern, die rhythmische Fülle besitzen, Verve und poetische Kraft. In den Songs fließt der Text voller Einfälle fernab von dümmlichen Versatzstücken frei in eine Aussage. Am Flügel, der die Szenerie beherrscht, führt Opferkuch das Credo der Figur, Musik zu leben, und seine eigene Begabung vital vor. Er verschmilzt geradezu mit dem Instrument, und er und Carmen Steinert singen diszipliniert und einfach schön und schauen auch noch schön aus. Sie in einem Kleid, das ihre Figur einerseits betont und andererseits dezent verschweigt, er in schlichtem Schwarz (Ausstattung Sophie Lenglachner). Opferkuch brilliert mit schauspielerischen Brüchen, die beinahe besser gespielt werden, als der Text sie fixiert. Aber das zeichnet Schauspielkunst aus, ein Mehr rauszuholen, und die Steinert agiert kongenial. Der Flügel dient nicht nur zum Musikmachen, auf ihm berühren sich Emma und Paul auch so sanft, wie erste Liebe den Menschen in ein anderes Wesen verwandelt, und der Flügel ist zugleich auch das Dach, auf dem Paul und die imaginären Bandmitglieder einen Joint nach der Probe rauchen. Als Regisseur findet Opferkuch überraschende Verwendungen für alles, was die angenehm sparsame Bühne bietet. So werden Mikrofone als Telefone genutzt und als Gegenstände, nach denen beide haschen: Jetzt will ich reden!

Überhaupt bietet die Aufführung immer wieder bizarre bis herrliche Bilder für das Ereignis Liebe: Abgebrochene Küsse! Die Inszenierung zeichnet ästhetische Behutsamkeit aus, die erste Liebe trefflich charakterisiert, und eine sensible Lichtregie (Christiane Hercher), die wie nebenbei in Erinnerung bleibt. Aber diese erste Liebe endet nicht im Happy End.

Künstler Paul findet null Weg aus seiner schöpferischen Verhaftung heraus und hinein in eine Zweisamkeit, nach der Emma sich sehnt. Das sind ein harter Schnitt und ein mutiges Statement des Ralph Opferkuch, den Beruf des Künstlers zu verteidigen, der eine Profession ist, die den Menschen verschlingt und ihn zentriert, als wäre die Welt der anderen nichtig. Da ist viel (ungeliebte) Wahrheit im Abend. Natürlich hat ein erstes Gesamt-Werk durchaus noch Luft nach oben: Mitunter übertüncht handwerkliche Perfektion fehlende Tiefe in der Fabelführung (Tod der Mutter) und die Liedhandschrift würde einen stärkeren Pendelausschlag in die Extreme vertragen. Aber Charme und Souveränität der Darsteller tragen über solche Schwächen hinweg. In Erinnerung bleibt eine zauberhafte und unterhaltsame musikalische Darbietung.

Weitere Vorstellungen: Sonntag, 9. und 23. Dezember, Sonnabend 12. Januar, Freitag 1. Dezember, Donnerstag 14. März, Sonnabend 30. März 2019