15 Gastspiele aus ganz Deutschland

Das Festival Theaternatur bietet bis 23. August zwei Eigenproduktionen und 15 Gastspiele, unter anderem aus Leipzig, München, Berlin, Bochum, Göttingen, Köln, Düsseldorf. Zu den Eigenproduktionen gehören „Es ist noch nicht so weit“ und „Uneins“. Die „Uneins“-Premiere ist am 21. August (20.30 Uhr).

Am 12. August (20.30 Uhr) ist auf der Waldbühne das Schauspiel „Alles, was wir haben“ des syn:format e. V. aus Berlin zu sehen. Die Schauspielgruppe „Lunatiks“ ist mit „Blühende Randschaften. Stahl“ am 14. August zu Gast auf der Waldbühne (20.30 Uhr). Nele Stuhler aus Berlin lädt zu ihrer Performance „Mauerschau“ am 18. August (20.30 Uhr). Ein Konzert mit dem Rossini-Quartett steht am 22. August, 17 Uhr, auf dem Spielplan.

Junges Theater wird an einigen Tagen vormittags und nachmittags geboten. 16. August: „Käfer und Spinne“ mit dem Theater „spielMarie“ aus Düsseldorf (11 und 15 Uhr, ab 4 Jahren). 23. August: „boat people“ aus Göttingen ist zu Gast mit „Hä?!“ (11 und 15 Uhr, ab 5 Jahren).

Das kompette Programm im Internet unter www.theaternatur.de

Benneckenstein l Es ist nicht nur etwas erfreulich Besonderes, dass in diesen Corona-Tagen ein Festival mit 15 Gastspielen über die (Wald-)Bühne geht, mehr noch, dass ein Festival in seinem sechsten Jahr noch zulegt an Programm und Künstlerschar und zum zweiten Mal gar eine Auftragsproduktion stemmt. Wie schon im vergangenen Jahr hat Festivalchef Janek Liebetruth für „Es ist noch nicht so weit“ mit Sören Hornung zusammengearbeitet. Es geht erneut um Ost und West und das Zusammenwachsen der Länder und der Menschen im 30. Einheitsjahr.

Sandmänner Ost und West als starke Idee

Es ist eine interessante Idee, sich des Sandmanns zu bedienen. Den gab es zu DDR-Zeiten im gern gesehenen West- und im weniger eingeschalteten Ostfernsehen. Doch der Sandmann aus dem Osten war der große Sympathieträger – bis heute. Der Westler hingegen ist Wendeverlierer. So wird er auch gezeichnet von Regisseur Liebetruth.

Mürrischer Verlierer

Sandmann West, aussehend wie Käpt’n Brass und wunderbar mürrisch gespielt von Hans Klima, zeigt sich verletzt, desillusioniert. Er schaut aus einer Dachluke seines Hauses. Gelangweilt auf ein Kissen gestützt, wie es sich aus arbeitslosigkeitsgebeutelten Ost-Regionen eingebrannt hat, sinniert er grummelnd über die Leere und die Krise. Corona wird nie genannt, ist aber stetes Thema. Der einstige West-Star bezeichnet den Planeten als einen staubigen Klumpen in einem Nichts. Er lebt mit seiner Tochter Kassandra (Elaine Cameron) zurückgezogen, will nichts hören von dieser Welt und schon gar nichts erzählen von seiner eigenen Geschichte.

Bilder

Geschichtenerzähler

Andere aber tun kund, wie es ihnen ergangen ist in den vergangenen Jahren. Wie Achim (Benjamin Kramme), der einstige Straßenbahnfahrer, der Schienen hatte, die ihn leiteten, und er somit immer wusste, wo es langgeht. Und heute? Er sucht verzweifelt einen Job. Oder die Kamera-Frau Frauke (Jennifer Sabel), die mit den Tränen kämpft, als sie von Hansi erzählt, der wie sie mit der Wende endlich Freiheit genießen wollte, und dann im Krieg war in Afghanistan und sich später den Kopf wegschoss, weil er in dieser Welt nicht mehr leben wollte.

Starke Monologe

Da gibt es ganz starke Monologe, die das Innerste der Geschichtenerzähler nach außen kehren. Geplatzte Hoffnungen inklusive. Auch bei Sissi (Carolin Wiedenbröker), Putzfrau aus dem Westen, die nun im Osten putzt und zu ihrer Verwunderung von einem Ossi-Chef bezahlt wird.

Geniale Drehbühne

Die geniale Drehbühne (hier mitten im Wald ein so gar nicht erwarteter Aufwand) bringt viel Tempo und mit Schrägdach und Wohnzimmer neue Spielorte – bis hin zur Showbühne für den Sandmann Ost (Achim Wolff, spielte einst mit Wolfgang Stumph in der ZDF-Serie „Salto Postale“). Der Erfolgsabendgruß-Mann erdenkt eine Supersondersendungsshow, weil viele Menschen heute die Show bräuchten. Wie ein Verzauberer steht er auf der Bühne und strotzt vor Selbstbewusstsein. Schon arrogant tritt er dem Westler gegenüber, schließlich ist er einer der wenigen Ostdeutschen in einer Führungsposition! Warum nicht ein wenig Demütigung?

Eine Supersondersendungsshow

Die passende Zeile „Es ist noch nicht so weit" stammt aus dem Ost-Sandmann-Abendgruß. Das Stück spielt mit Klischees und nach wie vor tief sitzenden Ressentiments bei Menschen in Ost wie West, die sich bis ins Absurd-Groteske steigern. Komik und Tragik liegen dicht beieinander. Manches dabei kommt dick aufgetragen daher. „Diese Zeit braucht Versöhnung" ist einer dieser zu plakativ geratenen Sätze.

Verletztsein, das Nichtverstehen, die Frage um Verlierer und Gewinner, all das zieht sich stringent durch bis zum großen Schluss-Knall. Mit diesen Gefühlen ist das Stück ganz nah an jenen, die im Rund von Benneckenstein sitzen, die hier oder wenige Kilometer weiter wohnen. Dort, wo einst der unerreichte Westen war.

Nur noch heute und Dienstagabend wird die Uraufführung beim Festival zu sehen sein. Schade, aber die aufwendige Bühne muss Platz machen für all die anderen Gastspiele. Bis 23. August wird es Schauspiel, Tanz, Konzerte geben.