Magdeburg l Da stand ich nun am 23. Oktober 2010 in New York City an der Ecke 72nd Street und Central Park West vor dem Dakota Building. Hier war das also, dachte ich und mir schwappte der Anfang von "Imagine" durch den Kopf: "Imagine there‘s no heaven. It‘s easy if you try" (Stell dir vor, es gibt keinen Himmel. Es ist einfach, wenn du es versuchst). Und wieder sah ich die Fernsehbilder vor mir, die 30 Jahre zuvor, am 8. Dezember 1980, alle, die mit John Lennon und den Beatles groß geworden waren, in eine Art Schockstarre und tiefe Trauer versetzt hatten: John Lennon ist tot. Erschossen.

Beatles oder Rolling Stones? Café Impro oder Klubhaus für junge Talente? Das waren die Fragen, vor denen man als Heranwachsender in Magdeburg in den 1960er Jahren stand. Für mich keine Frage: Beatles und Impro. John Lennon und Paul McCartney – da ging nichts drüber. Das Tesla-Kleinspulentonbandgerät "Uran" immer aufnahmebereit.

Fotos aus der Bravo

Drei Mick Jagger für einen John Lennon auf dem Schulhof der Scholl-EOS (Gymnasium) getauscht. Zum zigsten Mal abfotografiert aus der "Bravo", die irgendwie ihren Weg in die DDR gefunden hatte, oder aus der "Musikparade" – unscharf, schwarz-weiß, aber ein Schatz, der als Zweittapete die Wand schmückte oder sorgsam mit Fotoecken in ein A3-Heft kam.

Bilder

Dann die Nachricht: Die Beatles haben sich getrennt. Die Schuldfrage war schnell geklärt: Yoko Ono – völlig klar. Musste das sein, John?

Doch die Enttäuschung hielt nicht lange an. Johns Musik starb nicht mit den Beatles. Was folgte, waren Titel wie das unglaubliche "Imagine", "Power to the People" und, und, und … "Give Peace a Chance", das schon 1969 unter dem Label "Plastic Ono Band" herauskam, war ein gewichtiger Grund dafür, mehrfach in den Film "Blutige Erdbeeren" zu gehen. Und bei einer Schulfete im "Herrenkrug" knieten alle auf der Tanzfläche, schlugen im Takt aufs Parkett und klatschten in die Hände. Mittendrin der Parteisekretär der EOS.

Beiträge über die Beatles

Der Weg Lennons zu den Beatles, die Songs der Liverpooler, kleine Begebenheiten am Rande begleiteten mich auch in meiner Anfangszeit als Journalist der Volksstimme. Eine Kollegin, die viele Jahre bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN in Berlin gearbeitet hatte und dadurch Zugang zum "Giftschrank" mit Westpublikationen hatte, versorgte mich mit Kopien von Beiträgen über Lennon und die Beatles.

Die Idee für eine Serie über die "Pilzköpfe" wurde geboren. Die Volksstimme war damals noch nicht so weit. Die Betriebszeitung "Sprachrohr" des Magdeburger Armaturenwerks schon. Zumal die Kollegin inzwischen dort als Redakteurin arbeitete. So kam es, dass Ende der 1970er Jahre neben der obligatorischen Nackten auf der letzten Seite die Beatles einen Platz fanden. Wenigstens für einige Zeit. Bis die SED-Stadtleitung bei der Betriebsparteileitung nachfragte, ob es keine anderen Themen gebe. Nach einigen Folgen war Schluss. Die Nackte wieder Alleinunterhalterin.

Nachruf in der Volksstimme

Ende 1980 brachte John Lennon die LP "Double Fantasie" heraus (erschien 1981 auch bei Amiga), sein siebtes Solo-Studioalbum. Es sollte sein letztes sein. Die Schüsse vor dem Dakota Building zogen den viel zu frühen Schlussstrich unter ein kreatives Künstlerleben. Und inzwischen war auch die Volksstimme so weit. Ich durfte einen kleinen Nachruf schreiben. Um möglichen Fragen nach dem Warum schon vorab die Spitze abzubrechen wurde voran gestellt: "Nachdem die Meldung über den Mord an John Lennon in der Volksstimme stand, erreichten uns Anrufe und Briefe mit der Bitte, mehr über das Leben des Ex-Beatles zu veröffentlichen."

Mein Kollege Burkhard Falkner (64) aus Blankenburg, der bereits 1978 seinem Sohn den Vornamen John gegeben hatte, steckte mir Anfang 1981 eine Karte zu. Geplant war eine Gedenkfeier für Lennon. Poster an den Wänden und natürlich die Musik unseres Idols. Nur einmal nach New York auf den Spuren John Lennons – ein Wunsch, der kaum erfüllbar schien.

Besuch der Strawberry Fields

2010 ging ich die wenigen Schritte bis zu den "Strawberry Fields" (benannt nach Lennons Song Strawberry Fields Forever) im Central Park West, ein kleiner Bereich, den Yoko Ono nach dem Tod Johns gestaltet hat.

Ein Mann saß vor dem "Imagine-Stern" auf einer Bank und sang zur Gitarre Lennon- und Beatles-Titel. Zwei Cops traten heran, erklärten ihm, dass Musizieren nicht gestattet sei. Der Mann nickte und packte zusammen. Die Polizisten gingen weiter. Der Musiker packte wieder aus und das Publikum applaudierte. Eine Lennon-Verehrerin schmunzelte: "Dieses Spiel geht hier den ganzen Tag so. Die Cops tun ihre Pflicht und die Musiker auch. Komplikationen hat es noch nie gegeben." Ich hörte eine halbe Stunde zu. Als ich zum Hotel zurückging, hielten sich Freude und Trauer die Waage. Schön hier gewesen zu sein, schade, dass ich John nie live erleben konnte.