Eurovision-Song-Contest

Deutschlands Anti-Hass-Lied stößt auf wenig Gegenliebe

Willst du Deutschland oben sehn, musst du die Tabelle drehn - der Spruch gilt erneut beim Eurovision Song Contest.

Von Gregor Tholl, dpa
Jendrik aus Deutschland singt "I Don't Feel Hate" beim großen Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in der Ahoy-Arena.
Jendrik aus Deutschland singt "I Don't Feel Hate" beim großen Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in der Ahoy-Arena. Peter Dejong/AP/dpa

Rotterdam - Mit dem unsteten Ukulele-Popsong und Anti-Hass-Lied „I don't feel hate“ ist Deutschland beim Eurovision Song Contest auf wenig Gegenliebe gestoßen und mal wieder ganz weit hinten gelandet - wie schon vor zwei, vier, fünf und sechs Jahren.

Der Hamburger Sänger Jendrik Sigwart (26) erreichte nur Rang 25 und damit den vorletzten Platz beim 65. ESC in Rotterdam. Gewonnen hat diesmal Italien mit dem Protestsong „Zitti e buoni“ der Glamrock-Band Måneskin.

Auf Platz zwei kam Frankreich mit dem Chanson „Voilà“ der Sängerin Barbara Pravi, auf Rang drei die Schweiz mit der Kopfstimmen-Ballade „Tout l'univers“ des Sängers Gjon's Tears.

Willst du Deutschland oben sehn, musst du die Tabelle drehn - der zuletzt im Fußball gängige Spruch galt erneut bei dem internationalen Musikwettbewerb. Die deutsche ESC-Pleiteserie in den vergangenen Jahren unterbrach nur Michael Schulte, der 2018 überraschend auf den vierten Platz kam.

Hinter Deutschland landete diesmal nur das Mutterland des Pop: Großbritannien. Der Sänger James Newman, der ältere Bruder von Popstar John Newman („Love me Again“) erhielt für seinen Song „Embers“ null Punkte. Er nahm es mit Humor und ließ sich kurz feiern bei der Verkündung des Ergebnisses.

Deutschland bekam ebenfalls null Punkte von den Zuschauern in 39 Ländern, aber immerhin drei Punkte von Jurys - 2 aus Österreich und einen aus Rumänien.

Vergangenes Jahr war der 65. ESC wegen Corona abgesagt und um ein Jahr verschoben worden. Er wurde in Rotterdam ausgetragen, weil 2019 in Tel Aviv der niederländische Interpret Duncan Laurence mit der Liebeskummerballade „Arcade“ gewonnen hatte.

Nach der pandemiebedingten Absage 2020 saßen dieses Jahr nun immerhin rund 3500 negativ getestete Zuschauer in der Ahoy-Arena. Trotz dieses Schritts zurück in Richtung Normalität hat das Coronavirus den Wettbewerb nicht verschont.

ESC-Sieger Duncan Laurence wurde positiv auf das Virus getestet. Er konnte deshalb in der Finalshow nicht live auftreten. Auch die isländischen Teilnehmer Daði og Gagnamagnið erwischte es. Ein Mitglied der Band steckte sich an, weshalb die Band in Quarantäne blieb und nur mit einem Video eingespielt wurde. Sie erreichte dennoch am Ende Platz vier.

Viele Länder schickten 2021 dieselben Interpreten, die für 2020 vorgesehen waren. In Deutschland ließ der innerhalb der ARD zuständige NDR jedoch in einem mehrstufigen Auswahlverfahren zwei unabhängige Jurys einen neuen Teilnehmer suchen.

Im Vorjahr hatte Deutschland den aus Slowenien stammenden Sänger Ben Dolic gekürt, der dann aber mit seinem radiotauglichen Dancepopsong „Violent Thing“ nicht antreten konnte.

Das Siegerlied 2021 ist ein energetischer Rockbeitrag. Übersetzt heißt der Songtitel „Still und brav“. Im Text geht es darum, ausgeflippt und anders als die anderen zu sein. Da Bassistin Victoria aus Dänemark stammt, wählte die Gruppe als Band-Namen das dänische Wort für Mondschein: Måneskin.

Die Band wurde 2016 von Schulfreunden gegründet. Bekannt wurde sie in ihrer Heimat mit der Teilnahme an der italienischen Ausgabe der Castingshow „X-Factor“ 2017. Im März 2021 gewann sie das traditionsreiche Festival di Sanremo und wurde damit von der RAI, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Italiens, als ESC-Teilnehmer automatisch gesetzt. Für Italien ist es der dritte Sieg - nach 1990 mit Toto Cutugno („Insieme 1992“) und 1964 mit Gigliola Cinquetti („Non ho l'eta (per amarti)“).

Italien zählt zu den Gründungsländern des Eurovision Song Contest. 1998 entschied das Land allerdings, nicht mehr am Wettbewerb teilzunehmen. Erst nach 13 Jahren, zum ESC 2011 in Düsseldorf, kehrte das Land wieder zurück.

Insgesamt nahmen 39 Länder teil. 13 Beiträge wurden in den beiden Semifinals (Halbfinals) am Dienstag und Donnerstag aussortiert, darunter Österreich. Neben Deutschland sind als große Geldgeber automatisch Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien fürs Finale gesetzt, ebenso der Gastgeber, also diesmal die Niederlande.

Die Zuschauer konnten wie immer über den Sieger mit abstimmen, jedoch nicht fürs eigene Land. Die Hälfte der Punkte kommt von nationalen Fachjurys. Die Jury-Punkte aus Deutschland gab zum sechsten Mal Barbara Schöneberger bekannt. Sie wurde live aus Hamburg zugeschaltet. Die Höchstpunktzahl ging dabei an Frankreich. Das deutsche TV-Publikum vergab seine Höchstpunktzahl (12 Punkte) an Litauen, die zweithöchste Punktzahl (10) an Frankreich.

In den vergangenen 30 Jahren schaffte es Deutschland fast immer nur dann in die Top 10 beim Eurovision Song Contest, wenn der Entertainer Stefan Raab als Produzent, Komponist, Castingshowmacher oder gar Interpret beteiligt war.

Es begann 1998 in Birmingham mit Guildo Horn und Platz 7. Raab war der Komponist und Texter (nannte sich jedoch Alf Igel - in Anspielung auf Grand-Prix-Urgestein Ralph Siegel). Im Jahr 2000 trat Raab selber an und erreichte mit „Wadde hadde dudde da?“ Platz 5. Im Jahr 2004 holte sein Schützling Max Mutzke („Can’t Wait Until Tonight“) Platz 8 - Raab fungierte erneut als Komponist und Texter.

Im Jahr 2010 folgte der ganz große Triumph: Raab siegte mit Lena Meyer-Landrut („Satellite“) und holte den zweiten Sieg für Deutschland überhaupt - nach Nicole („Ein bisschen Frieden“) 1982. Diesmal war er Initiator, außerdem Produzent und Jurypräsident der Castingshow „Unser Star für Oslo“. 2011 hievte Raab Lena - beim Heim-ESC - nochmal auf Platz 10, ein Jahr später landete der in einer Raab-Show („Unser Star für Baku“) entdeckte Roman Lob auf Platz 8.

Ohne Raabs Zutun kam Deutschland seit 1991 nur viermal in die Top 10: außer mit Michael Schulte 2018 („You let me walk alone“) war das 2001 mit der Schlagersängerin Michelle auf Platz acht („Wer Liebe lebt“), 1999 mit Sürpriz auf Platz drei („Reise nach Jerusalem“) und 1994 mit Mekado („Wir geben 'ne Party“) ebenfalls auf Rang drei.