Magdeburg l „UTOP 89 ... und wer kümmert sich um die Fische?“ von Willems & Kiderlen ist ein unglaublich bewegender Versuch des Theaters Magdeburg, diese Atmosphäre des Aufbruchs nachzuvollziehen. Nicht durch Bilder oder Worte, sondern durch Mitmachen. Ein gutes Dutzend Interessierter an der Stadtrauminszenierung macht sich als erste Gruppe auf den Weg durch Magdeburg.

Mit Kopfhörern versehen hören sie jeweils an den Original-Schauplätzen Zeitzeugen des Geschehens. Das packt, man sieht förmlich die Tausenden von Polizisten rings um den Magdeburger Dom mit Schlagstöcken, die versuchen, die Demonstranten einzuschüchtern. Giselher Quast, damals Dompfarrer, erzählt, wie man ihn gewarnt hat, dass Blut fließen werde, wie dennoch 1300 Menschen zu einer einzigen Gitarre die Hymne des Widerstands „Lieb´ Dein Land, brich die Wand ...“ sangen. Rolf Schrader, schon damals im Dom engagiert, empfängt die Theatergruppe an einer Seitenpforte, hat die 26 Forderungen der Demonstranten von 1989 auf den Plätzen ausgelegt.

Ergreifendes Theaterexperiment

Und dann kommt einer dieser Momente, der dieses Theaterexperiment so unglaublich ergreifend macht. Es sind Demonstrationstafeln vorbereitet, auf die jeder der Gruppe seine Forderung für die Gesellschaft von heute aufschreiben kann. Was bewegt uns aktuell? Ist es der Klimawandel? Mehr Platz für die Radfahrer? Eine direkte Demokratie? Plötzlich ist man nicht mehr Zuhörer, sondern Beteiligter, kann nicht ausweichen, muss sich bekennen. Immerhin zieht die Theatergruppe mit den Transparenten durch den gut gefüllten Dom in Richtung Innenstadt von Magdeburg, vorbei an vielen Menschen, die neugierig schauen, was da gefordert wird. Manche Zuschauer lachen, andere blicken ernst. Man spürt plötzlich, dass es einen Unterschied macht, für eine Sache zu sein, oder sich zu einer Sache öffentlich zu bekennen.

Und noch eines macht das Projekt UTOP 89 von Willems & Kiderlen so unvergleichlich ergreifend. Es ist die Selbstreflexion, an der man nicht vorbeikommt, wenn beispielsweise der Weg der Gruppe in das Allee-Center führt. Einen Einkaufstempel mit 25 000 Quadratmetern Fläche und 110 Geschäften, alles über den Fundamenten einer von der DDR gesprengten Kirche. Ist es das, was wir 1989 wollten? Ungebremsten Konsum, koste es, was es wolle, und sei es die Existenz der Menschheit? Man hört das Gleichnis der Rolltreppe auf den Kopfhörern. Es geht immer aufwärts, aber dennoch bleibt jeder auf seiner Stufe.

Die Stadtrauminszenierung von Willems & Kiderlen, bei der beide Regie führen, schafft es immer wieder, Überraschungsmomente zu setzen, die selbst jemanden, der diese Zeit bewusst miterlebt hat, in Erstaunen versetzen. Da zeigt eine engagierte Frau, Jaqueline Brösicke, die in der Vorwendezeit heimlich mit Helferinnen Straßennamen durch die Namen wichtiger Frauen ersetzt hat, wie das geht. Wie soll die Hartstraße künftig heißen, fragt sie in die Gruppe des Theaters. Man einigt sich auf Helene Weigel, und Jaqueline Brösicke zeigt, wie man das macht. Anschließend spricht sie vom Balkon des Rathauses. Damals war die Bühne zwar die des Puppentheaters, aber sich als lesbische Frau zu outen, war seinerzeit keine Selbstverständlichkeit.

Zuschauer erleben 1989 noch einmal

Der Zug auf dem Weg der Demonstranten führt schließlich zur Machtzentrale der Staatssicherheit in die Walther-Rathenau-Straße. 30 000 Menschen zogen in einem Schweigemarsch hier vorbei, stellten Kerzen auf die Stufen. An diesem Abend 1989 waren alle Zimmer dunkel, aber die Teilnehmer des Schweigemarschs wussten, dass sie Hunderte von Augen hinter den Scheiben der Büros verfolgten. Die Angst war auf beiden Seiten spürbar, selbst jetzt, als die Mitglieder der Theatergruppe ihrerseits brennende Kerzen abstellen.

Ein junger Wachsoldat der Stasi-Zentrale, der genau gegenüber wohnte, erzählt über Kopfhörer, dass ihn sein Vorgesetzter zu seinen Eltern über die Straße gehen ließ, für eine Stunde. Ein Vorfall, den er noch heute für unfassbar hält. Aus der Ruine der Hyparschale erklingt dann live Musik für die UTOP 89-Teilnehmer der neuen Band „Hyperschall“. Thomas Koch, einst Punker und damit ein Exot in Magdeburg, stand immer im Blickfeld der DDR-Machthaber. Er hat diese Band gegründet, erwartet dann die Theatergruppe auf der Hubbrücke, um seine Geschichte zu erzählen.

UTOP 89 ist ein Erlebnis für alle Sinne. Dieses Experiment ermöglicht Verständnis für das, was heute schwer erklärbar ist. Ein Freund hat einmal gesagt: Ehe die Mauer fällt, fliege ich auf den Mond. Die Mauer ist weg, aber auf dem Mond war er noch immer nicht.