Leipzig l Schon am Eingang zur Schau im Zeitgeschichtlichen Forum wird der sehr verschiedentlich zu definierende Luxus-Begriff deutlich. Da steht ein hellblau-silberfarben glänzender Sportwagen. Er ist, man mag es kaum glauben, Marke Eigenbau, wurde in den 1950er Jahren von zwei Brüdern aus Dresden gefertigt. Ein DDR-Traum vom legendären Porsche 356. Der Luxusschlitten brachte den beiden Maschinenbaustudenten erst coole Fahrten nach Paris und Rom, nach dem Bau der Mauer und einem Fluchtversuch zwei Jahre im berüchtigten Gefängnis Hohenschönhausen. Gleich nebenan fällt der Blick auf ein Fahrrad, vollbepackt mit Taschen und Tüten. „Habseligkeiten“ hat Andreas Slomonski seine Radskulptur genannt. Der Künstler fragt: Was ist Luxus, wenn man fast nichts besitzt?

„Richtig gutes Wasser“, dringt es da schon aus dem ersten Ausstellungsraum an die Ohren der Besucher. Und: „Ein schöner Tag im Wald.“ Auch: „Lamborghini fahren“. Die Ausstellungsmacher haben bekannte und weniger bekannte Menschen nach ihren Luxus-Vorstellungen befragt. Ganz nach sozialer Stellung in der Gesellschaft und persönlichen Ansprüchen ans eigene Leben fallen denn auch die Antworten höchst unterschiedlich aus.

Als Butter noch ein Luxusgut war

Was nehmen wir als Luxus wahr? Und wie definieren wir ihn? Das historische Umfeld spielt eine gewichtige Rolle. In der Nachkriegszeit, als Knappheit Luxus schaffte, schien das Glück schon perfekt bei einem Stück Butter. Da wurden einstige Kostbarkeiten getauscht, weil Nahrungsmittel wichtiger waren als materielle Werte. Jahre später, in Westdeutschland wuchs der Wohlstand und CDU-Mann Ludwig Erhard warb für sein Konzept der sozialen Marktwirtschaft, war der Lippenstift für die Dame schon kein Luxusgut mehr. Immer mehr Menschen träumten von der bunten Welt, die die Illustrierten mit den Reichen und Schönen auf den Covern in die Wohnzimmer der Westdeutschen brachten. Im Kino lief „Wie angelt man sich einen Millionär“. Man wollte dabeisein.

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In den 1960er Jahren legten Mann und Frau in Westdeutschland stärker Wert darauf, den Wohlstand in Szene zu setzen. Schmuck, Auto, Uhren, Kreuzfahrten – es ging (übrigens nicht nur damals) um Status und Lebensstil.

Und in der DDR, dem Land, das von der Planwirtschaft bestimmt wurde? Während im Westen mit dem Kreuszfahrtschiff „TS Hamburg“ das erste deutsche Luxushotel vom Stapel lief, gingen im Osten die MS „Fritz Heckert“ und die „MS „Völkerfreundschaft“ auf große Fahrt. Nur: Nicht jeder durfte mit. Da hatte sich der SED-Staat schon längst von seinem sonst so propagierten Arbeiter- und-Bauern-Gleichheitsgemache entfernt. Der legendäre Modeschöpfer Heinz Bormann aus Magdeburg, der seine „Rote Dior“-Mode an die elegante Frau brachte, wurde von den SED-Oberen gedrängt, seinen bestens laufenden Betrieb in Volkseigentrum zu überführen. Wer solche Politik mitbestimmte, ließ sich im Regierungkrankenhaus Berlin-Buch behandeln oder ging zur Jagd. Luxus für Auserwählte. Und das Volk? Die Levi‘s Jeans blieb ein Sehnsuchtsobjekt. Ebenso das große graue Telefon.

Aus heutiger Sicht fast schon putzig mutet der von Marlies Göhr 1983 handschriftlich verfasste Zettel an – auf kleinkariertem Papier. „Genosse Manfred Ewald Hiermit stelle ich den Antrag auf eine Auslieferung eines Ladas 1500 S.“ Göhr war mehrfache DDR-Olympiasiegerin, Ewald Präsident des Turn- und Sportbundes, der obersten Sportorganisation der DDR. Göhr bekam ihr Wunschauto. Das Ministerratsschreiben hängt neben dem Göhr-Antrag.

400 Exponate: Goldkette und Schwanenmantel

400 Exponate wurden zusammengetragen, darunter die längste Wellendorff-Kordel der Welt, ein einzigartiges Schmuckstück aus der Manufaktur Wellendorff – aus purem 18 Karat Gold und mit 13,53 m Länge, ein goldenes Klo und der legendäre Schwanenmantel von Marlene Dietrich, der aus Brustfedern von 300 dieser stolzen Vögel gefertigt wurde.

Zum Schluss der Ausstellung gehts ins Heute. Zeitungsschlagzeilen erinnern an Ex-Bischof Tebartz-van Elst, dem der Bauwahn zu Kopf gestiegen war, und an Fußballer Frank Ribéry, dessen mit Blattgold belegtes Steak in diesem Frühjahr für einen gewaltigen Shitstorm gesorgt hatte. Unweit davon die Halskette der Journalistin Greta Taubert, die ein Jahr lang nur von Selbstgemachtem oder Eingetauschtem lebte. Sie schmückte sich mit einer einfallsreichen Halskette. Der Anhänger ist ein Apfelmusdeckel. Beim Betrachten dringt leise Musik ans Ohr des Besuchers. Der Komponist Max Richter hat ein achtstündiges Musikerlebnis geschaffen – für alle, die sich etwas Zeit nehmen können. Sitzsäcke laden zum Verweilen, Durchatmen, Entspannen. Wie man auf den von Besuchern ausgefüllten Wunschkärtchen lesen kann, ist das ein Luxus, den sich heute so einige wünschen.

Die Ausstellung „Purer Luxus“ ist bis zum 13. April 2020 zu sehen.