Wien (dpa) - Die Wiener Sängerknaben sind von der Corona-Krise bedroht. Dem ein halbes Jahrtausend alten Kinderchor - Habsburger Erbe, das auf Konzerten weltweit die "Kulturnation Österreich" verkörpert - geht nach eigenen Angaben im Herbst das Geld aus.

Bis Weihnachten fallen zwei Millionen Euro Einnahmen weg. "Bei uns ist die Situation wie bei vielen anderen Kulturinstitutionen, dass seit Anfang März alle Konzerte abgesagt werden mussten", sagt Vereinspräsident Gerald Wirth. Vor ähnlichen Problemen stehen Off-Bühnen, Veranstalter und andere Kulturbetriebe. Die Jungen im Matrosendress dürfte vermutlich ihre Rolle als kulturelle Botschafter der Alpenrepublik retten. Anderswo sieht es finsterer aus.

Die Corona-Pandemie macht Österreichs Kulturszene, die das Land so sehr ausmacht, schwer zu schaffen - und das Schlimmste, so sagen viele, steht erst noch bevor. Flaggschiffe wie Staatsoper und Burgtheater blicken - trotz Staatsmillionen - mit Unwohlsein in Richtung Jahreswechsel. Viele Kleinere starren in den Abgrund.

"Die Vielfalt und eigentlich auch die Freiheit der kulturellen Äußerung - das steht da auf dem Spiel", warnt Kulturjournalist Matthias Dusini vom Wiener "Falter". Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer drückt es so aus: "Die Krise hat deutlich gezeigt, dass wir in einigen Bereichen des Kunst- und Kulturschaffens auch krisen-unabhängige Problemlagen haben, denen wir uns widmen müssen."

Dabei sieht der Sommer für die Kultur auf den ersten Blick trotz Corona relativ heiter aus. Musste Mitte März alles abrupt schließen, kam Ende Mai das erste Aufatmen: Der Betrieb darf wieder anfahren. Vorsichtig öffneten die Museen, die Wiener Philharmoniker spielten Beethoven im Musikverein - vor 100 statt 1700 Zuschauern. Die Stadt Wien rief einen Open-Air-Kultursommer aus. Ab August sind bis zu 1000 Gäste in Räumen mit genehmigtem Covid-Konzept erlaubt, draußen mehr - bei zugewiesenen Plätzen und einem Meter Abstand.

Im September geht es auch an den Bühnen weiter. "Das Moment der künstlerischen Reflexion und des kritischen Hinterfragens ist enorm wichtig und aus Rückmeldungen unseres Publikums wissen wir, dass es eine große Sehnsucht nach dem Theater gibt", erklärt Burgtheater-Chef Martin Kusej. Schutzmaßnahmen sollen den Spielbetrieb ermöglichen - so wie derzeit 250 Kilometer westlich von Wien in Salzburg.

Die Salzburger Festspiele werden wohl genau beobachtet werden. Ihre Augustwochen sind ein Experiment mit der sogenannten neuen Normalität: Bestuhlung im Schachbrett-Muster, Corona-Tests für Künstler, ein Drittel der Besucher und ein Viertel der Einnahmen. Viele schauen mit gemischten Gefühlen zu - nicht nur, weil die Infektionszahlen zuletzt stiegen.

Von einer "Lex Festspiele" spricht der Musikmanager Hannes Tschürtz, dessen Label Ink Music etwa den Austropop-Exporthit Bilderbuch entdeckte. Für die Musik- und Veranstaltungsbranche ist die Corona-Krise ein Totalschaden. Vermarktung, Konzerte und Tantiemen liegen auf absehbare Zeit brach. "Das wahre Problem kommt 2021, 22, 23", sagt Tschürtz. "So schlimm das jetzt auch ist, das wirklich Dramatische kommt erst." In der Clubszene wachsen Schuldenberge, vielen droht das Aus. "In Wahrheit betreiben wir da gerade in der Masse Konkursverschleppung", sagt ein Clubbesitzer.

Der Mittelbau der Theaterstadt Wien, ihre Freie Szene, ist ratlos und wütend. Nach dem durch Kurzarbeit bewältigten Ausfall im Frühjahr naht ein Herbst mit - im besten Fall - halben Einnahmen. Corona-Tests für ein Ensemble? Unbezahlbar. "Viele von uns wissen nicht, ob wir 2021 noch unsere Pforten öffnen können", sagt Roman Freigaßner-Hauser vom Rabenhof Theater, der für 15 kleine Bühnen spricht. Die Pandemie treffe jeden, stellt er klar. "Aber es ist ja nicht so, dass hier gitarrenzupfende Laien am Werk sind, die arbeitsscheu einen Beruf schwänzen. Theater, wie wir es hier betreiben in der nicht-kommerziellen Form, braucht Unterstützung vom Staat."

Diese Sorge teilen die Großen. "Dass Kultur nicht als unmittelbar notwendig erachtet wird, das zehrt etwas am Selbstverständnis", sagt Christian Kircher, Geschäftsführer des Staatskonzerns, der die Bundestheater Staatsoper und Burgtheater hält. "Aus unserer Sicht sind wir ja große, auch staatstragende Unternehmen, die für das Bild Österreichs auch im Ausland mitverantwortlich sind."

Auch bei den mit über 160 Millionen Euro im Jahr gestützten Bundestheatern sind die Kassen fast leer. 5 Millionen Euro versprochenen Hilfen stehen bis Ende 2020 gut 7 Millionen Euro durch entfallene Kartenverkäufe gegenüber. "Für das nächste Geschäftsjahr, das im September beginnt, gibt es extreme Unsicherheit", sagt Kircher. Ähnliche Töne aus Salzburg: "Ich mache mir weniger Sorgen um dieses Jahr finanziell als um 2021", sagt Festspiele-Präsidentin Helga Rabl-Stadler der "Wiener Zeitung". "Zweimal können wir das schwer durchstehen."

Bei aller gemeinsamen Betroffenheit: "Die Zukunft der Wiener Staatsoper, des Burgtheaters und der Volksoper, die stehen wohl nicht zur Diskussion", räumt Kircher ein. Für den Rest der kleinen Bühnen und Kulturvereine lautet die Frage eher nicht ob, sondern was stirbt. "Die Frage wird sein, inwiefern der Staat bereit ist, diese Einrichtungen zu retten", sagt Journalist Dusini.

Neben Kurzarbeit und Selbstständigen-Fonds gibt es bislang etwa 100 Millionen Euro in Fonds für Künstler. Der Non-Profit-Bereich - von den Sängerknaben über Sportvereine bis zu Kirchen - kann auf Zuschüsse aus 700 Millionen Euro zugreifen. "Die bisherigen Hilfsangebote sind aus meiner Sicht gut in der Kunst- und Kulturszene angekommen", sagt Staatssekretärin Mayer. Mit leidenden Bereichen bemühe man sich um Lösungen, auch um mehr Geld für 2021.

Allein: Es reicht noch nicht. Bis zu zwei Milliarden Euro, ein Viertel seiner Wertschöpfung der vergangenen Jahre, soll Corona den Kultursektor kosten. "Es nutzt ja nichts, das Loch ist ja da. Dann sperre ich halt zu und schmeiße die Mitarbeiter raus, dann spielt niemand mehr Theater, wenn die Bundespolitik das so will", sagt Roman Freigaßner-Hauser. Ein Theatersterben in der Kulturstadt Wien? "Es wäre tragisch und es wäre fatal und wir werden es nicht zulassen." Es würde auch die Hochkultur treffen. "Wir sitzen in einem Boot", sagt Bundestheater-Geschäftsführer Kircher. "Wenn es keinen Nachwuchs gibt, dann wird das in fünf Jahren auch uns erreichen."

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