Oslo (dpa) - Annemarie Smit zieht die Stirn kraus. Die durchgesägte Kuh und ihr Kalb in den mit Formaldehyd gefüllten Schaukästen sind ihr unheimlich. Ich frage mich, was für ein Mensch auf so eine Idee kommt und sie dann auch noch umsetzt, sagt die 38-Jährige und setzt ihre Tour durch die Museumsräume fort. 

Die Installation Mother and Child (Divided) des britischen Gegenwartskünstlers Damien Hirst in eine der Attraktionen des Astrup Fearnley Museums in der norwegischen Hauptstadt Oslo. Und sie ist nicht die einzige, die den Besucher zwischen Faszination und Unbehagen hin- und herwirft.

In einem anderen Raum, der sich mit einem großen Fenster zum Oslofjord öffnet, liegen blau verpackte Halsbonbons auf dem Fußboden. Nehmen Sie ruhig einen, fordert Museumssprecherin Ida Moen die Besucher auf. Und während uns das Menthol des Bonbons langsam die Nase hochsteigt, erzählt sie, was das Werk Untitled/Blue Placebo des Kubaners Felix Gonzales-Torres darstellen soll: Die Bonbons haben zusammen ursprünglich 130 Kilo gewogen, so viel wie Gonzales-Torres und sein Partner zusammen auf die Waage gebracht haben. Inzwischen sind beide an Aids gestorben. Und wie sich ihre Körper immer mehr auflösen, wird auch der Teppich aus Bonbons immer kleiner. Bis nichts mehr übrig ist. Das Menthol in der Nase fühlt sich plötzlich nicht mehr so gut an.

Nicht nur die Sammlung an zeitgenössischen Kunstwerken macht das private Astrup Fearnley Museum zu einer Attraktion. Das Gebäude des italienischen Architekten Renzo Piano steht am Ende einer Halbinsel an der Hafeneinfahrt von Oslo und ist umgeben von Wasser: dem Oslofjord und Kanälen, auf denen im Sommer die Kajakfahrer paddeln. Das Glasdach formt einen Bogen und wirkt wie eine gigantische Welle, die in den Fjord hineinrollt.

Noch vor wenigen Jahren standen hier an der Landspitze Container gestapelt, es war eine raue Hafengegend: Tjuvholmen – Diebesinsel. Nach der Schließung der Schiffswerft Akers Mekaniske Verksted in den 80er Jahren wurde das Viertel entlang der Wasserfront zu einer Einkaufs-, Wohn- und Kunstmeile entwickelt. Neben der alten Backsteinarchitektur entstanden topmoderne Architekturperlen.

Der Tjuvholmen wurde erst nach der Jahrtausendwende erschlossen. Dieser Platz am Fjord habe ihn besonders gereizt, sagte Renzo Piano, bevor sein Bau 2012 Wirklichkeit wurde. Als ich gehört habe, dass dieses Museum auf einer Insel am Eingang von Oslo entstehen soll, da habe ich begonnen zu träumen, erzählte der Italiener. Er träumte von einem Ort der Ruhe und Meditation, wo die Besucher in Kontakt mit der Natur treten können. Aber auch von einem Ort, an dem man Menschen treffen, Kaffee trinken und schwimmen kann, während man den Booten im Oslofjord nachschaut. Meine Architektur soll nicht einschüchtern, sondern neugierig machen, sagte der 78-Jährige. Meine Museen sollen Spaß machen.

Die Ausstellungsmacher nehmen diese Botschaft ernst. Das Kunsterlebnis beginnt bereits draußen. Im Park und am Strand vor dem Museum hat das Unternehmen Selvaag mehrere Skulpturen installiert. Auf dem Rasen dazwischen wird gepicknickt, am Strand werfen Kinder Steine ins Wasser.

Von drinnen kann man diese Szenen beobachten. Durch die großen Fensterflächen verschwindet die Grenze, das Draußen wird Teil der Ausstellung. Der Schweizer Patrick Menétrey, der ein paar Tage in Oslo Urlaub macht, ist von dem Gebäude so begeistert, dass er sich ein Buch darüber gekauft hat. Die Lage so direkt am Wasser ist wirklich was besonders, schwärmt er. Seine Söhne, 11 und 13 Jahre alt, stehen fasziniert vor einem Bücherregal mit dem Titel Zweistromland/The High Priestess von Anselm Kiefer. Jedes dieser Bücher ist aus Blei gefertigt und erzählt ein Stück Menschheitsgeschichte. Für die Kinder befindet sich das Wissen der Welt auf Wikipedia. Für sie ist dieses 21 Tonnen schwere Bücherregal wie eine Botschaft aus einer anderen Zeit.

In einem anderem Raum hängen große Selbstportraits der Amerikanerin Cindy Sherman. Sie ist Diva, Clown oder Jungfrau Marie, sie treibt das Klischee auf die Spitze und lässt den Betrachter mit einem Unbehagen zusehen. Allein von Sherman besitzt das Museum 20 Bilder. Ihre Werke gehören zu den ersten der Sammlung der Nachfahren des romantischen Malers Thomas Fearnley. 1993 öffneten sie in den Kvadraturen im Osloer Zentrum ihr erstes Astrup Fearnley Museum, das spätestens 2002 mit dem Erwerb der Porzellanskulptur Michael Jackson and Bubbles von Jeff Koons internationale Aufmerksamkeit erregte.

Seit dem Umzug in den Renzo Piano-Bau 2012 hat das Museum 13 Sonderausstellungen arrangiert, die sich eher auf einzelne Künstler und Kunstwerke konzentrierten, als kunsthistorische Strömungen abzubilden. Was unser Museum von anderen unterscheidet, ist unser internationaler Ansatz, sagt Pressesprecherin Ida Moen. Wir wollen ein Kaleidoskop der Welt sein und sie nach Oslo bringen. Unter den 1500 Werken der Sammlung des Museums finden sich chinesische, brasilianische, indische und amerikanische Gegenwartskünstler. Im Februar 2016 öffnet eine Sonderausstellung des Medienkünstlers Matthew Barney. Seine gigantische Holzkonstruktion River of Fundament ähnelt einer Geburtsszene. Wieder ein Werk, bei dem Unbehagen und Faszination vorprogrammiert sind.

Astrup Fearnley Museum

   

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