Weißenfels (dpa) l In einem eigens dafür aufgestellten Testzentrum hat der Burgenlandkreis damit begonnen, die rund 2500 Mitarbeiter des Fleischkonzerns Tönnies auf das neuartige Coronavirus zu untersuchen. Bis zu 500 freiwillige Tests will der Landkreis nun täglich in den Zelten in der Nähe des Betriebsgeländes durchführen. Getestet wurden zunächst Mitarbeiter des Veterinäramtes. Mit dem ersten großen Schwung an Tönnies-Beschäftigten rechneten die Mitarbeiter des Landkreises zum Schichtwechsel am Nachmittag.

Die Prozedur ist aufwendig: Drei Mitarbeiter des Landkreises sitzen jeweils in Schutzanzug und Maske in einem Testraum. Zwei davon sind für die Dokumentation zuständig, der dritte macht den eigentlichen Test. Dafür wird mit einem Wattestäbchen Speichel entnommen und in ein Reagenzglas mit einer Nährlösung gesteckt. Ein Labor untersucht die Probe dann auf den Erreger Sars-CoV-2. Insgesamt 15 solcher Teams stehen für die Tests bereit. Die Bundeswehr schickte 16 Soldatinnen und Soldaten zur Unterstützung der Aktion nach Weißenfels.

Grund für die prophylaktische Untersuchung sind Ausbrüche in Schlachtbetrieben anderer Bundesländer. Etwa im westfälischen Coesfeld und im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt waren Corona-Infektionen bei einer Vielzahl von Beschäftigten festgestellt worden. Die Arbeitsbedingungen in der Branche sind dadurch ebenso in den Blickpunkt gerückt wie die oft überfüllten Sammelunterkünfte der zahlreichen osteuropäischen Leiharbeiter. Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) hatte daraufhin angekündigt, auch die Belegschaft von großen Schlachtbetrieben in Sachsen-Anhalt durchzutesten.

Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa

„Das System ist krank und muss geheilt werden“, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) im Landesbezirk Ost, Uwe Ledwig, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Mit dem System meint Ledwig die Vielzahl von Werkvertragsbeschäftigten in der Fleischverarbeitung, die oft aus osteuropäischen Ländern stammen. Um möglichst viel Geld in die Heimat schicken zu können, würden viele dieser Arbeiter in großen Gemeinschaftsunterkünften absteigen, sagte Ledwig. Dort bestehe ein besonders hohes Ansteckungsrisiko.

Auch beim Weg zur Arbeit würden sich viele für den günstigsten Weg, etwa den Transport in überbesetzten Kleinbussen oder Fahrgemeinschaften entscheiden und sich auch dort einem hohen Infektionsrisiko aussetzen. Am geringsten sei die Gefahr einer Ansteckung in den Betrieben selbst, da die Mitarbeiter dort ohnehin Schutzkleidung trügen. Darunter schwitze man mitunter aber „wie eine Sau“, sagt der Gewerkschafter. Daher könne er verstehen, wenn die Arbeiter ihre Masken dann und wann abnehmen, um Luft zu holen.

Kritik an der Situation der Arbeiter kam auch aus dem Landtag. „Die aktuelle Corona-Krise macht für die Öffentlichkeit Missstände sichtbar, die wir seit langem beklagen“, teilte der Sprecher der SPD-Fraktion für Arbeitsmarktpolitik, Andreas Steppuhn, mit. Die Tests seien richtig, dabei dürfe es aber nicht bleiben. „Ziel muss es sein, sowohl die Unterbringungs- als auch die Arbeitsbedingungen für die Zukunft zu verbessern.“

Pauschalurteile

Der Verband der Ernährungswirtschaft in Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt (VdEW) befürwortete die Tests ebenfalls, warnte aber vor pauschalen Verurteilungen der Branche. „Seit der freiwilligen Selbstverpflichtung der Fleischwirtschaft 2015 hat sich die Situation der Werkvertragsbeschäftigten deutlich verbessert“, sagte VdEW-Hauptgeschäftsführer Vehid Alemic. Seitdem erfolge die Beschäftigung nach deutschem Recht.

Eine Kontrolle der Wohnungen sei rechtlich in vielen Fällen gar nicht ohne weiteres möglich, sagte Alemic: Viele Beschäftigte würden sich ihre Unterkünfte ohne Zutun des Arbeitgebers auf dem Wohnungsmarkt suchen. Die Werkverträge seien ein anerkanntes Mittel, das nicht nur in der Fleischindustrie genutzt werde, „sondern in viel größerem Umfang in der Automobilindustrie, im Baubereich und anderen Branchen“, sagte Alemic. In keiner Branche gebe es Branchenstandards, wie den Verhaltenskodex und die Selbstverpflichtung der Fleischwirtschaft.

NGG-Mann Ledwig bewertet die Selbstverpflichtung kritischer. Sie habe das System eher verfeinert als abgeschafft. Auch findet Ledwig das Instrument der Werkvertragsarbeit überflüssig. „In vielen Bereichen der Ernährungsindustrie wird viel und hart gearbeitet“, sagte der Gewerkschafter. „Aber die haben nicht dieses Werkvertrags-Unwesen.“