Man stelle sich vor, von der einen auf die andere Minute ist es verboten, die Wohnung zu verlassen – im Hochsommer samt Kindern zwei Wochen lang auf engstem Raum eingesperrt. Allein die Vorstellung trieb Sandy Gärtner, selbst Mutter, Panik ins Gesicht. Doch was sie sich gedanklich kaum ausmalen konnte, war für rund 500 Menschen der Neuen Neustadt im vergangenen Jahr Realität.

Das Coronavirus breitete sich binnen kürzester Zeit im Moritzplatzquartier aus. Die Stadt reagierte und verhängte für die Bewohner von 16 Hausaufgängen kurzerhand Quarantäne - für die zumeist kinderreichen Familien mit rumänischen und bulgarischen Wurzeln ein Desaster. Ohnehin machten sprachliche Barrieren die Kommunikation schwer, das Geschehen um sie konnten die Betroffenen kaum einordnen. Zudem war weder Zeit die Kühlschränke zu füllen noch wichtige Erledigungen zu machen. Und vor allem: Wie können die Kinder zwei Wochen lang bei Laune gehalten werden?

Sandy Gärtner wusste, sie muss helfen. Die 43-Jährige gehört nicht zu jenen, die vorurteilsbehaftet agieren. Für sie ist die Nationalität nicht relevant. Für Sandy Gärtner geht es um die Menschen, nicht um Rumänen, Magdeburger oder Türken. Und hier waren zweifelsohne Menschen in Not. So überlegte sie nicht lange und vernetzte sich mit Akteuren der Neuen Neustadt, rief zu Spenden auf und gründete die Nachbarschaftshilfe „Moritz hilft“.

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Sandy Gärtner hörte zu

Sascha Klinge, der das Kinder- und Jugendhaus „Knast“ am Moritzplatz leitet, und Jacqueline Strauß vom Bürgerverein waren sofort zur Stelle, ebenso Quartiersmanagerin Franziska Müller. Sie sammelten Spenden, insbesondere Spielsachen und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Kinder, organisierten aber auch Dinge, die in der Grundversorgung, die die Stadt mit Hilfsorganisationen sicherstellte, nicht enthalten waren. Und was nicht minder von Bedeutung war: Sie schenkte den Betroffenen ihr Ohr, hörte sich deren Sorgen und Nöte an.

Mit einer Dolmetscherin sprachen Sandy Gärtner und ihre Mitstreiter – zumindest gedanklich – auf Augenhöhe. Sie sprach nicht über sie, sondern mit ihnen. Etwas, das die studierte Theaterwissenschaftlerin, die derzeit auch das Projekt „Auf die Plätze … Utopolis Neue Neustadt“ leitet, bei vielen Menschen doch sehr vermisst. Sie weiß um die „bösen Zungen“, die den Mitbürgern ausländischer Herkunft per se verwerfliche Absichten unterstellen.

Aufbauen statt einzureißen

Und sie weiß auch um die Probleme, die beim Aufeinandertreffen verschiedener kultureller Hintergründe entstehen können. Doch Sandy Gärtner ist ein Mensch, der die vermessene Frage  „Wem gehört die Welt, das Stück Land, die Stadt?“ wohl mit „Uns allen und niemandem“ beantworten würde.

Sie schlägt Brücken zwischen Menschen, handelt uneigennützig und baut lieber auf, anstatt einzureißen. Sie ist empathisch, hilfsbereit und tolerant, lebenslustig und liebenswürdig. Gäbe es mehr Menschen wie sie, wäre die Welt wohl ein bisschen besser. Aus diesem Grund ist sie verdient eine Magdeburgerin des Jahres. Herzlichen Glückwunsch!