Mindestens 100 Arten muss ein Fachmann kennen / Cordula Riek befragte Experten Martin Groß

Eine Pilzberatung per Handy gibt es nicht

In den vergangenen Wochen stellte der Magdeburger Pilzsachverständige Martin Groß Waldpilze vor. Wie man zum Fachmann wird, beantwortet er der Volksstimme.

Volksstimme: Herr Groß, wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Pilzen?

Martin Groß: Intensiver seit 1981, als ich damals nebenberuflich Assistent der damaligen Bezirkspilzsachverständigen am Bezirkshygieneinstitut Magdeburg, Gertrud Wöllner, wurde.

Volksstimme: Was ist für Sie so faszinierend an Pilzen?

Groß: Pilze haben immer etwas Geheimnisvolles. Sie bilden ja sogar ein eigenes botanisches Reich, neben Pflanzen und Tieren. Das ist schon was Besonderes.

"Es dauert rund zehn Jahre, bis man sich einigermaßen sicher fühlt."

Volksstimme: Wie lange braucht es, bis ein Hobby-Pilzsammler zum Experten wird?

Groß: Es hängt davon ab, was man für ein Experte werden will. Vor allem braucht es viel Eigeninitiative und möglichst eine gute Mentorin oder einen Mentor. Zehn Jahre dauert es aber wohl doch, ehe man sich einigermaßen sicher fühlt bei einer brauchbaren Artenzahl (Untergrenze 100). Was ein Experte ist, relativiert sich ohnehin bei den in Mitteleuropa bekannten zirka 5400 Großpilzarten. Die kennt niemand alle.

Volksstimme: Sie sind seit 1993 der Vorsitzende des Landesverbandes der Pilzsachverständigen Sachsen-Anhalt. Wie viele Menschen arbeiten im Verband mit?

Groß: Heute sind wir 104 Mitglieder, die versuchen mit ihrem Engagement etwas für einen Teil des prophylaktischen Gesundheitsschutzes zu tun, sprich etwas gegen Pilzvergiftungen. Wir wollten unbedingt mit Hilfe dieses Verbandes das über 70 Jahre bewährte Pilzberatungsstellensystem im Land erhalten, das immer beim staatlichen Gesundheitsdienst angesiedelt war. 1990 fiel die "staatliche Anbindung" weg, weil es so etwas in den alten Bundesländern nicht gab.

In Deutschland weiß niemand genau, wie viele Menschen an Pilzvergiftungen erkranken und sterben, da es keine gesetzliche Meldepflicht mehr gibt. Ein großer Mangel!

Volksstimme: Wie viele Beratungen führt der Landesverband pro Jahr durch?

Groß: Es waren durchschnittlich 8831 Personen in den Jahren 1993 bis 2009. Da wir in letzter Zeit viele schlechte Pilzjahre hatten, ist die Zahl unter die sonst immer gültige 10 000-Personen-Marke gefallen. Wir können die Qualität eines Pilzjahres an der von uns genau erfassten Anzahl beratener Personen gut ablesen.

Volksstimme: Ist die Beratung kostenlos und gibt es feste Termine?

Groß: Alle Pilzberater in Sachsen-Anhalt arbeiten ehrenamtlich. Von der überwiegenden Zahl der Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsämter der Landkreise und kreisfreien Städte gibt es geringfügige finanzielle Unterstützung im Sinne von Aufwandsentschädigungen. Ratsuchende müssen nichts bezahlen. Gelegentlich in den Beratungsstellen gern gegebene kleine Spenden kommen ausschließlich dem Landesverband zu gute, der sonst keine staatliche Förderung erhält.

Volksstimme: Kann sich ein Pilzsammler auch am Handy beraten lassen?

Groß: Nein! Pilzberatung muss immer persönlich geschehen. Auch das Versenden von Bildern selbst gemachter Pilzfunde über das Internet verlockt, geht aber gar nicht. Die Irrtumsgefahren sind einfach zu groß.

Volksstimme: Was müsste man unternehmen, um Pilzsachverständiger zu werden?

Groß: Es gibt in Deutschland verstreut recht viele Lehrgangsmöglichkeiten, die aber alle nicht ganz billig sind. Der Nachwuchs für die öffentliche Pilzberatung hier in Sachsen-Anhalt, wird meistens im Mentorinnen-/Mentorensystem gewonnen, was nahezu für Interessierte kostenlos ist. Pilzberatungsstellen müssen keine festen Sprechstunden haben, sondern es klappt oft am besten nach telefonischer oder elektronischer Anmeldung. Dafür muss man natürlich seine Erreichbarkeit öffentlich machen, zum Beispiel auf einer allen zugänglichen Pilzberaterliste wie das bei der Liste des LVPS der Fall ist.

Volksstimme: Wohin sollen sich Interessierte wenden?

Groß: Am besten sie sprechen mit mir erst einmal telefonisch. Dann kann ich recht schnell praktische Tipps geben. Auch meine Vorstandskollegen sind da auskunftsfähig. "Massen" werden sich ja kaum melden, wie unsere langjährige Erfahrung zeigt. Ich freue mich über jeden, der Interesse zeigt.

"Maronen in der Region Havelberg sind radioaktiv belastet."

Volksstimme: Wie sieht es mit der radioaktiven Belastung der Pilze aus?

Groß: Eigentlich gut. Nur Maronen werden auch in weiterer Zukunft merkliche Radionuklidgehalte von Cäsium137 haben, die aber in der Regel in Sachsen-Anhalt immer unter dem Grenzwert von 600 Becquerel je Kilogramm Frischpilzen liegen. Eine Ausnahme gibt es allerdings. Es ist dringend davon abzuraten, Maronen im Waldgebiet zwischen Müggenbusch und Kümmernitz nordöstlich von Havelberg zu sammeln und zu essen. Maronen aus diesem Gebiet haben nach neuesten Untersuchungen durchschnittliche Gehalte über 1000 Becquerel/Kilogramm.

Grundsätzlich empfiehlt es sich, Maronen nur im Mischpilzgericht zu essen. Maximal 250 Gramm Wildpilze pro Woche ist die Verzehrsempfehlung, auch mit Blick auf mögliche andere Belastungen (zum Beispiel Schwermetalle).

Volksstimme: Kann jeder im Wald sammeln, wie viel er will, und das auch verkaufen?

Groß: Nein. Es sind die Vorschriften des Feld- und Forstordnungsgesetzes Sachen-Anhalt und des Bundes-Naturschutz-Rechtes einzuhalten, die nur Wenigen bekannt sind. Man muss sich informieren, insbesondere wenn man Wildpilze verkaufen will. Am leichtesten ist es, das entsprechende Merkblatt des Landesverbandes durchzulesen, das alle Pilzberatungsstellen haben und auch im Internet unter www.lvps.de nachlesbar ist. Ohne Einschränkungen sammeln darf demnach jeder nur in "geringen Mengen und zum eigenen Gebrauch". Lediglich besonders geschützte Arte dürfen nicht gesammelt werden. Die kennt aber kaum jemand.

Der letzte Teil der Pilzserie erscheint am kommenden Donnerstag, 27. September, und behandelt Pilze mit Schwämmchen.