Job-Protokoll

Was macht eigentlich eine Fluglotsin?

Susanne Vaskovic ist Agrarwissenschaftlerin, Falknerin - und angehende Fluglotsin. Wenn man so will, hat eine Taube ihr den Weg in den Beruf gewiesen. Wie? Das verrät die 28-Jährige im Job-Protokoll.

Von Protokoll: Amelie Breitenhuber, dpa 26.11.2021, 05:01
Susanne Vaskovic ist angehende Fluglotsin. Nach ihrer Ausbildung ist sie bei der Deutschen Flugsicherung für die Sicherheit in der Luft sowie am Flughafen zuständig.
Susanne Vaskovic ist angehende Fluglotsin. Nach ihrer Ausbildung ist sie bei der Deutschen Flugsicherung für die Sicherheit in der Luft sowie am Flughafen zuständig. Andreas Arnold/dpa-tmn

Stuttgart - Kleine Vierecke auf dem Radar im Auge behalten und sie so steuern, dass sie nicht zusammenstoßen: Klingt erstmal einfach, ist in der Praxis aber ein hochkomplexer Job. Ohne Fluglotsen würde kein Flugzeug sicher abheben oder landen können. Was macht den Reiz des Berufs aus?

Suanne Vaskovic, Fluglotsin in Ausbildung, erzählt im Job-Protokoll von ihrem ungewöhnlichen Weg in den Job, was es bedeutet, in Sekundenschnelle Entscheidungen zu treffen und wie sie bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) eine neue Familie gefunden hat.

Der Weg in den Beruf

Das ist eine etwas kuriose Geschichte. Eigentlich habe ich in Stuttgart Hohenheim Agrarwissenschaften studiert. Außerdem bin ich Falknerin und Jägerin. Mehr oder weniger zufällig bin ich so zur Vogelvergrämung am Flughafen Stuttgart gekommen. Im Prinzip geht es in dem Job darum, Vögel, die im Luftraum Gefahren verursachen könnten, zu vertreiben.

Eines Tages haben mich die Lotsen im Tower, also im Flugverkehrskontrollturm auf dem Flughafen, angerufen, weil eine Taube am Tower saß, die einfach nicht wegfliegen wollte. Die Taube ist doch recht schnell weggeflogen. Ich aber fand sehr spannend, was ich da im Tower gesehen habe und bin mit den Fluglotsen ins Gespräch gekommen. Letztendlich hat dieses Erlebnis dazu geführt, dass ich mich bei der DFS Deutsche Flugsicherung (DFS) beworben habe.

Die Motivation

Ich war vor dem Beginn meiner Ausbildung kein großer Flugzeugfan oder so, ich bin maximal in den Urlaub geflogen und auch das nicht oft. Mit ausschlaggebend war für mich, dass es in diesem Beruf keinen Tag gibt, an dem man das Gleiche erlebt. Außerdem werde ich nach meiner Schicht abgelöst. Ich muss nicht 24/7 an die Arbeit denken.

Wie ich meinen Beruf einfach erkläre

Am allereinfachsten wäre es zu sagen: Ich schaue, dass Flugzeuge in der Luft nicht zusammenstoßen. Allerdings ist der Beruf mittlerweile sehr viel komplexer. Es gibt eine ganz bestimmte Phraseologie, die wir verwenden müssen: Fluglotsinnen und -lotsen sind dafür zuständig, dass Flugzeuge in ihrem Luftraum die Verkehrsregeln einhalten und vor allem, immer mit ausreichend Sicherheitsabstand unterwegs sind.

Die etwas ausführlichere Erklärung

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Fluglotsen: Da sind die Tower-Lotsen, die am Flughafen Start- und Landefreigaben erteilen und direkte Sicht auf die Piste haben. Und die Centerlotsen, die in der Kontrollzentrale ihren Luftraum im Blick behalten und die Flugzeuge dahin steuern, wo sie hinmüssen.

Der Luftraum in Deutschland ist in Sektoren aufgeteilt. Jeder Fluglotse und jede Fluglotsin hat einen Sektor, für den er oder sie zuständig ist und kontrolliert die Flugzeuge, die sich darin bewegen, bis sie den nächsten Sektor erreichen.

Was ich in meiner Ausbildung lerne

An der Akademie der DFS lernen wir zunächst viel Theorie: Welche Flugzeugtypen gibt es? Welche Einflüsse hat das Wetter auf die Flugzeuge? Wie funktioniert unser Equipment, zum Beispiel Radar? Und wie sieht die Arbeit der Piloten im Cockpit aus? Im Notfall müssen wir wissen, welche Probleme im Flugzeug auftauchen können und welche Fehlerbehebung wie viel Zeit beansprucht.

Nach und nach wird die Ausbildung immer praktischer. Wir sitzen zunächst an Simulatoren. Im Prinzip sieht es in unseren Unterrichtsräumen aus wie später im Center: Pro Raum haben wir vier Inseln, die Tische, an denen Koordinationslotse und Radarlotse im Team im simulierten Flugverkehr zusammenarbeiten.

Die Theorie in die Praxis überführen

Wir lernen, das theoretische Wissen praktisch anzuwenden: Wie schicke ich ein Flugzeug nach links oder rechts, nach oben oder nach unten? Wie bereite ich ein Flugzeug auf den Übergang in den nächsten Sektor vor, hat es seine optimale Höhe und Route erreicht?

Nach und nach werden die simulierten Lufträume und der Flugverkehr immer komplexer, wir nähern uns immer mehr der Realität an. Außerdem erhöht sich die Simulationszeit. Anfangs schafft man vielleicht 20 Minuten volle Konzentration, später ist man bei zwei Stunden.

Im letzten Teil der Ausbildung gehen wir in das sogenannte Training on the Job, wo wir unter Aufsicht unser erlerntes Wissen an unserem künftigen Arbeitsplatz im Live-Verkehr umsetzen.

Die schönsten Seiten des Berufs

Mit am schönsten ist es für mich, dass ich mit der DFS fast so etwas wie eine neue Familie gefunden habe. Die meisten haben eine Leidenschaft für die Fliegerei, da trifft man sich dann privat, um zu fliegen oder am Flughafen, um die neuen Anstriche der Flugzeuge anzusehen. Ich glaube, an der Akademie kommt einfach ein bestimmter Schlag Mensch zusammen, das verbindet.

Die größte Herausforderung

Das ist tatsächlich, in kürzester Zeit die Menge an neuem Wissen aufzunehmen. Die Anforderungen an der Akademie und im Beruf sind sehr hoch, auch im Vergleich mit einem Hochschulstudium.

Ohne was es in dem Job nicht geht

Man sollte als Fluglotsin oder Fluglotse nicht schnell aufgeben. Wer sofort denkt „Ach, jetzt ist es eh schon vorbei, jetzt hab ich es vermasselt“, ist hier falsch. Man muss auch in stressigen Situationen bis zum Schluss sein Bestes geben und Entscheidungen treffen können.

Neben der Teamfähigkeit kommt es darauf an, auf sich und seine Fähigkeiten zu vertrauen. Es braucht zwar einen gesunden Respekt vor den Tätigkeiten, schließlich sind das, was ich da auf dem Monitor sehe, keine Quadrate, sondern Flugzeuge mit Hunderten Menschen an Bord. Wenn ich aber mit der Ausbildung fertig bin und die DFS mir sagt: Du bist jetzt bereit, du kannst das, dann weiß ich: Mir wurde alles mitgegeben, um diesen Job zu meistern.

Info-Kasten: Zugang und Ausbildungsvergütung

Aufgrund der Einschränkungen während der Corona-Pandemie ist Susanne Vaskovic in ihrem zweiten Lehrjahr an der Akademie der Deutschen Flugsicherung bereits 28 Jahre alt. Üblicherweise darf man zum Zeitpunkt der Bewerbung maximal 24 Jahre alt sein. Darüber hinaus müssen Interessierte mindestens die Allgemeine Hochschulreife und Englischkenntnisse auf C1-Level mitbringen. Auch die medizinische Eignung, etwa das Seh- und Hörvermögen, wird geprüft.

Angehende Lotsinnen und Lotsen bekommen nach Angaben der DFS in den ersten 12 bis 15 Monaten der Theorieausbildung eine Vergütung in Höhe von 1200 Euro pro Monat, optional werden sie mit 400 Euro Wohngeld bezuschusst. Sobald die Nachwuchskräfte in das sogenannte „Training on the Job“ starten, erhalten sie etwa 4000 Euro pro Monat.

Fluglotsen regeln im Tower den Luftverkehr, in einer anspruchsvollen Ausbildung lernen sie mit dem Equipment umzugehen.
Fluglotsen regeln im Tower den Luftverkehr, in einer anspruchsvollen Ausbildung lernen sie mit dem Equipment umzugehen.
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Fluglotsinnen und -lotsen sind dafür zuständig, dass Flugzeuge in ihrem Luftraum die Verkehrsregeln einhalten.
Fluglotsinnen und -lotsen sind dafür zuständig, dass Flugzeuge in ihrem Luftraum die Verkehrsregeln einhalten.
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Lotsinnen und Lotsen, die im Tower arbeiten, haben direkte Sicht auf die Piste.
Lotsinnen und Lotsen, die im Tower arbeiten, haben direkte Sicht auf die Piste.
Bodo Marks/dpa/dpa-tmn
Wer bei der Deutschen Flugsicherung eine Ausbildung zum Fluglotsen absolvieren will, muss eine anspruchsvolle Eignungsprüfung bestehen.
Wer bei der Deutschen Flugsicherung eine Ausbildung zum Fluglotsen absolvieren will, muss eine anspruchsvolle Eignungsprüfung bestehen.
Andreas Arnold/dpa-tmn
Zur Lotsenausbildung gehört auch die Flugsimulation: Die angehenden Lotsen lernen so die Abläufe im Cockpit kennen.
Zur Lotsenausbildung gehört auch die Flugsimulation: Die angehenden Lotsen lernen so die Abläufe im Cockpit kennen.
Andreas Arnold/dpa-tmn