Peking (dpa) - Es ist ein Gewirr aus buntlackierten Fahrrädern. Lieblos zusammengedrängt und teilweise wild gestapelt, finden sich Leihräder auf Pekings Bürgersteigen.

Die 22 Millionen Einwohner der Hauptstadt sind das farbenfrohe Durcheinander gewöhnt. Jeder zweite Einwohner nutzt das Angebot. Meist gilt es zunächst, das Gefährt aus dem Wust zu befreien. Dann muss der QR-Code ausfindig gemacht werden. Nachdem das kleine, schwarz gepixelte Quadrat mit dem Smartphone gescannt wurde, schnappt das Rahmenschloss auf. Die Fahrt kann losgehen. Am Ziel angekommen, kann das Rad einfach abgestellt werden. Egal wo - anders als bei manchen Systemen in Deutschland, die (noch) auf feste Stationen setzen.

Viele Pekinger sind vom Leihrad begeistert. So auch der junge Manager Ye. Mit seinen Freunden steht der 25-Jährige vor einer Reihe gelber Räder, Richtung Wangfujing soll es gehen, zur bekanntesten Einkaufsmeile der Hauptstadt. "Aber die U-Bahnstation dort ist immer noch ein ganzes Stück von unserem eigentlichen Ziel entfernt. Zum Laufen wäre das zu weit", sagt Ye.

"Königreich der Fahrräder", so wurde China noch in den 1980er Jahren genannt. Dann setzte ein rapides Wirtschaftswachstum ein und machte viele Chinesen zu stolzen Autobesitzern. Das Rad wurde verdrängt. Aber dann trat das frei abstellbare Mietrad vor drei Jahren seinen Siegeszug in China an - und erobert inzwischen auch Städte in Deutschland und anderen Ländern. In Peking und anderen chinesischen Metropolen, die unter kilometerlangen Staus und Smog leiden, gehören Leihräder somit wieder zu den wichtigsten Verkehrsmitteln.

Radfahrer müssen aber ihre Sinne schärfen, wenn sie in das dichte Gedränge eintauchen Polierte Limousinen, dicke Geländewagen und lange Linienbusse: In der Hierarchie der Straße stehen sie in China alle über dem Fahrrad. Und das Recht des Stärkeren nehmen sie gnadenlos in Anspruch. Wer zögert, wird sofort abgedrängt. Immer muss auch mit den weit verbreiteten Elektrorollern gerechnet werden, die pfeilschnell und beinahe lautlos durch die Gassen jagen. Hinzu kommt, dass viele chinesische Großstädter das Radfahren nicht mehr von klein auf gelernt haben: So mancher fährt in Schlangenlinien durch den chaotischen Verkehr.

Die 26 Jahre alte Shi nutzt die Leihräder jeden Tag für ihren Arbeitsweg. Sie findet das System praktisch, hat aber kein Verständnis dafür, wenn Mitbürger ihr den Weg verbauen: "Viele Leute stellen ihr Rad einfach dort ab, wo es gerade passt - ohne sich weiter Gedanken zu machen. Und wenn es dabei umkippt, ist ihnen das auch egal."

Zum Unmut vieler Bewohner verwandeln sich Fußwege und Plätze in einen Dschungel aus Speichen, Lenkstangen und Fahrradrahmen. Wo kein Durchkommen ist, wissen sich manche Pekinger nur mit Gewalt zu helfen: Räder werden umgeschmissen, in einem Anflug von Weißglut auch mal umgetreten oder auf Haufen geworfen.

In Deutschland gibt es ähnliche Probleme, wo Fahrräder schon frei abgestellt werden können. In München sammelt die singapurische Firma oBike gerade etwa 6000 ihrer knapp 7000 Leihräder wieder ein. Das Ausmaß von Vandalismus und die daraus resultierenden Kosten waren der Firma zu hoch. Doch was in München als unerträgliches Durcheinander gilt, wäre in China kaum der Rede wert. In Peking kommen 2,4 Millionen Leihräder auf 11 Millionen Nutzer.

Manager Ye und seine Freunde haben ihre Räder freigeschaltet. Der 25-Jährige kann zwar verstehen, dass manche sich an den Fahrradmassen stören, ihn ärgert jedoch etwas ganz anderes. Probleme seien vor allem die ungleiche Verteilung der Räder innerhalb der Stadt und zu wenig Wartung. "An vielen Orten kann ich immer noch kein funktionierendes Rad finden, wenn ich es denn brauche. Hier ist ja alles voll davon", sagt Ye und blickt um sich. "Aber das ist nicht überall so. Ganz so praktisch, wie man immer denkt, ist es dann also doch nicht."

Trotzdem ist das Leihrad nicht mehr aus Peking wegzudenken. Die Fahrräder sind nicht nur nützlich, sondern auch günstig. Eine Stunde kostet derzeit umgerechnet etwa 0,13 Euro. Bezahlt wird der Betrag über ein Konto, das beim jeweiligen Anbieter eingerichtet wird.

Die Billigpreise sind das Ergebnis eines Wettbewerbs, in dem etliche Startups um Investitionen konkurrieren. Viele der Beteiligten sind schnell von der Bildfläche verschwunden. Den Markt führen derzeit die Unternehmen Ofo und Mobike an. Ihre Geldgeber wittern das große Geschäft mit den Daten der Kunden. Ofo wird unterstützt von der Online-Handelsplattform Alibaba und dem Fahrdienst Didi Chuxing. Mobike hingegen wurde gerade von der großen chinesischen Lieferplattform Meituan Dianping gekauft, hinter dem wiederum der Internet-Riese Tencent steht. Für 2,7 Milliarden US-Dollar.