Mannheim (dpa) - Gelangweilte Kinder fläzen sich auf Bänken einer Mannheimer Kneipe, stören Gäste oder verhindern, dass sie sich niederlassen. Der Wirt des "Taproom", Ben Vivell, wendet sich deswegen an Nachtbürgermeister Hendrik Meier.

Und der hat prompt eine Idee: Warum nicht die Kinder an einem Tisch mit Ausmalbögen und Stiften beschäftigen? Als Meier am Tag nach dem Gespräch auch noch mit den nötigen Utensilien in der Bierbar erscheint, ist die anfängliche Skepsis des Gastronomen verflogen. "Saucool - damit hat er mich eingefangen."

Meier ist der erste deutsche Nachtbürgermeister - und in der Funktion auch tagsüber unterwegs, wie das Beispiel zeigt. Denn Gespräche mit Clubbetreibern und Wirten werden vom "Night Mayor" in der Regel nicht nachts geführt, sondern vor dem Eintreffen der Gäste. Vorbilder gibt es in anderen Städten weltweit, etwa in Amsterdam, London oder Zürich.

Auch Anwohner bevorzugen Termine tagsüber. Immer dabei hat Meier eine Kladde, in der er die Probleme seiner Gesprächspartner festhält. In seinem Büro verarbeitet er die Notizen auf dem Computer, so dass er Entwicklungen nachvollziehen kann. Seit Anfang August ist er im Einsatz - vor allem im Stadtteil Jungbusch, mit seinen Bars, Restaurants und alternativer Kultur. Dort ist der blonde Mann mit Tätowierungen und einem Herrendutt bereits bekannt wie ein bunter Hund.

Die Themen, die ihn beschäftigen: Lärm, Müll, Drogen, Sicherheit, Wildpinkeln. "Ich soll nicht alle Probleme lösen, sondern neutral und sachlich beiden Seiten zuhören und dann vermitteln", sagt der 27-Jährige, der gerade sein Studium an der Pop-Akademie beendet hat. Nicht nur in der Nachtclubszene, sondern auch bei Polizei und Ordnungsamt hat er seine Fühler ausgestreckt - er ist das Scharnier zwischen allen Beteiligten.

Gute Kommunikationsfähigkeit ist in dem Job das A und O. Seine Klientel begrüßt Meier mit High-Five-Handschlag und kurzer Umarmung. Als Erfolg verbucht er etwa, den Streit zwischen einer feiernden Burschenschaft und lärmgeplagten Anwohnern so geschlichtet zu haben, dass die jungen Männer ihren Nachbarn schließlich eine Flasche Sekt schickten.

Meier wurde der Szene nicht einfach vor die Nase gesetzt. Der aus Nürnberg stammende Mann wurde in einer mehrstufigen Wahl mit Bürgerbeteiligung bestimmt. Anfangs bewarben sich 40 Männer und Frauen um den Job, der auf 50 Stunden im Monat begrenzt ist. Sein zweites Standbein ist das Managen von Musik-Veranstaltungen.

Was will Meier erreichen? Sicherheit liegt ihm besonders am Herzen. Die sieht er durch eine große Straße gefährdet, auf der die Autos durch den Jungbusch rasen. Eine Blitzeranlage, so ist er überzeugt, würde den Verkehr entschleunigen. Allerdings kostet die mehr als 20.000 Euro. Auch ein versenkbares Urinal, wie es Meier als Maßnahme gegen Wildpinkeln vorschwebt, ist nicht billig. Stadtsprecher Ralf Walther verspricht zumindest ein offenes Ohr der Verwaltung. Doch die Entscheidung liegt beim Gemeinderat.

Zurück zur Sicherheit: In Kürze werden auf Meiers Initiative hin sechs Pfand-Getränkekisten im Kiez aufgestellt. Seine Hoffnung: Glasflaschen werden nicht mehr achtlos weggeworfen und womöglich zertreten, so dass sie Menschen gefährden können. Auch das Projekt "Luisa", das Clubgängerinnen vor Anmache schützen soll, will Meier unterstützen.

Matthias Rauch von der Kulturellen Stadtentwicklung - einer Tochter der Stadt - hat wegen des Nachtbürgermeisters bereits mehrere Anrufe informationshungriger deutscher Städte erhalten. Er empfiehlt das zunächst bis Ende 2019 geplante Projekt weiter. "Es ist sehr gut angelaufen, und ich bin zuversichtlich, dass wir das auch weiterführen werden."

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