Mexiko-Stadt (dpa) - Kyrie eleison, Christe eleison. Vielstimmig schallt die Litanei durch die Straßen des Viertels Iztacalco im Osten von Mexiko-Stadt.

Während die Bäcker ihre Auslagen zusammenräumen und die Tortilla-Verkäufer die letzten Maisfladen des Tages losschlagen, ziehen die Bewohner des Campamiento 2. de Octubre singend durch die Nachbarschaft. Eine Frau mit Figuren von Maria und Joseph führt den Zug an, Männer, Frauen und Kinder tragen brennende Kerzen vor sich her.

Vor dem Haus der Familie Gordillo macht die Gruppe Halt. Im Namen des Herrn bitte ich euch um Herberge, denn meine geliebte Frau kann nicht mehr laufen, singen die Nachbarn. Doch die Bewohner zeigen sich hartherzig. Hinter der verschlossenen Tür antworten sie: Hier gibt es keine Unterkunft, geht weiter. Ich kann euch nicht öffnen.

Mit den sogenannten Posadas erinnern die Mexikaner an den Tagen vor Weihnachten an die Herbergssuche von Maria und Joseph. Jeden Tag organisiert eine andere Familie in der Nachbarschaft die Posada, sagt Silvia Gordillo. Nach den Liedern gibt es zu Essen und zu Trinken und die Kinder bekommen Süßigkeiten. In Iztacalco findet die erste Posada am 16. Dezember statt, am 23. Dezember ziehen die Nachbarn zum letzten Mal durch die Straßen.

Die Tradition der Posadas geht auf spanische Augustinermönche zurück. Bei der Missionierung der Indios nahmen sie die Riten der Azteken auf und gaben ihnen eine christliche Bedeutung. So feierten die Azteken Anfang Dezember die Ankunft des Kriegsgotts Huitzilopochtli. Die Augustiner verbanden die traditionellen Feiern schließlich mit der biblischen Weihnachtsgeschichte.

Nach einigem Hin und Her haben die Hausherren in Iztacalco schließlich Erbarmen mit der heiligen Familie. Tretet ein, auch wenn die Unterkunft bescheiden ist, sie kommt von Herzen, singt die Familie Gordillo. Wir bitten den Herrn, dass diese Barmherzigkeit mit Glück belohnt wird, antworten die Pilger vor der Tür.

Das ist der Moment, auf den die zahlreichen Kinder der Nachbarschaft gewartet haben. An einem Seil wird die erste Piñata über der schmalen Gasse vor dem Haus aufgehängt. Mit einen Stock schlagen Mädchen und Jungen abwechselt auf die Pappkugel mit den sieben abstehenden Kegeln ein. Die Spitzen stehen für die sieben Todsünden, erklärt Silvia Gordillos Enkel Diego. Als die Kugel unter den Schlägen schließlich aufplatzt, fallen Früchte und Naschwerk auf den Boden und die Kinder stürzen sich auf ihre süße Beute.

Die Erwachsenen machen sich unterdessen über Tamales und Punsch her. Silvia Gordillo und ihre sechs Töchter haben den ganzen Tag die in Blättern gedünstete Maismasse mit Ananas, Hühnchen, Chilischoten oder der süß-scharfen Soße Mole zubereitet. Bei jeder Familie gibt es etwas anderes zu essen, aber unsere Spezialität sind die Tamales, sagt Gordillos Tochter Gabriela Pérez.

Ihre Schwestern eilen mit Tabletts voller Tamales und Krügen mit Punsch von der Küche auf die Straße, um die Gäste zu versorgen. Die Kinder lassen sich ihre Süßigkeiten schmecken und die Nachbarn sprechen über die letzten Weihnachtsvorbereitungen. Hätten Maria und Joseph bei ihrer Herbergssuche tatsächlich in Iztacalco an die Türen geklopft, sie wären wohl mit offenen Armen empfangen worden.