Calbe l Hauptverkehrsstunde, neudeutsch auch Rush Hour, auf der Magdeburger Straße. Es ist so laut, dass man kaum die Wechselsprechanlage am Haus verstehen kann. Nach mehrmaligen klingeln, öffnet Tom Werder, mit dem ich mich verabredet habe. Hitzerekord: Das Thermometer zeigt 39 Grad im Schatten. „Ich bin heute mal ein bisschen eher nach Hause gekommen. Das hält man ja nicht aus“, wischt sich der 50-Jährige den Schweiß aus dem Gesicht, der als Brandschutztechniker seine Brötchen verdient.

Doch kaum haben wir den Stress der Magdeburger Straße hinter dem großen Holztor gelassen, empfängt uns eine Idylle. Schwalben zwitschern im Nest der Tordurchfahrt, Wellensittiche spektakeln in der Voliere durcheinander, zwei kleine Mädchen toben mit einem jungen Hund der japanischen Rasse Akita herum.

Hier kann das Auge äsen

Doch bevor wir im lauschigen Garten sind - hinter dem Molloch Magdeburger Straße gibt es viele davon - müssen wir durch die Werkstatt-Garage. Hier kann das Auge äsen, wie es Sprachakrobat Olaf Schubert sagen würde. Eine Unmenge von Werkzeugen hängen an den Wänden oder liegen griffbereit auf Werkbänken, abgelaufene Fahrzeugkennzeichen stecken hinter einem Schutzrohr, Bilder von Michail Gorbatschow und Willi Stoph lächeln aus dem malerischem Chaos hervor.

Bilder

Doch das wertvollste Stück des Raumes steht fest gezurrt auf einem Autoanhänger. Es ist ein elektrisch angetriebenes Dreirad aus Schweden. Die Firma „Nymans Uppsala Schweden“ produzierte es 1942. Der Elektromotor, der wie der Anlasser eines kleinen Lkw aussieht, leistet 1,5 PS; die Reichweite des Mobils beträgt bis zu 25 Kilometer.

Wie Tom Werder erzählt, wurde das Dreirad infolge kriegsbedingtem Benzinmangel gefertigt. Die schwedische Armee setzte es „unter Tage“ in einem Munitionsbunker ein. „1944 hatten die Schweden dann wieder mehr Benzin. Viele dieser Fahrzeuge wurden mit Sachs-Bezinmotoren umgerüstet“, weiß der 50-Jährige. Es sei ein Glücksfall, dass das E-Dreirad - weil es offenbar im Bunker vergessen wurde - im Originalzustand ist.

Reise bis nach Mittelschweden

Werder holte es zusammen mit seinem Sohn Denny aus Mittelschweden ab. „Wir waren vier Tage unterwegs. Aber die waren es uns wert“, gesteht der leidenschaftliche Schrauber. Gefunden habe man das Ding über das Internet und sei mit dem Verkäufer schnell handelseinig geworden.

Wenn der gebürtige Magdeburger, der seit 1994 mit seiner Familie in Calbe wohnt, zu Oldietreffen fährt, braucht er sich um mangelnde Aufmerksamkeit nicht zu sorgen. „Ein Elektrodreirad hat nicht jeder“, lächelt Werder. Das Teil wird einem Behindertenrollstuhl gleich mit zwei 12 Volt-Batterien angetrieben, die in Reihe geschaltet werden können und dann auf eine Spannung von 24 Volt kommen. Stufe I ist es 5 km/h, auf Stufe II schnittige 24 km/h schnell. „Heute sind Elektroautos ein allgegenwärtiges Thema. Aber Elektrofahrzeuge gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg“, winkt Tom Werder ab. Offensichtlich habe man die Weiterentwicklung der Elektro-Energiemobilität verschlafen.

In Werders Garage steht noch ein weiteres Unikum. Das DKW-Lastenrad „L 200“ hat ebenfalls drei Räder, wurde 1932 gebaut, kommt auf 40 km/h und hat einen Zweitakt-Benzinmotor. „Vor den schlimmen Bombenangriffen auf Dresden karrte man die Erzeugnisse einer Gärtnerei damit durch die Stadt“, weiß er.

Ein Blick unter die Plane

Doch damit nicht genug. Tom Werder lüftet vorsichtig die Ecke einer Plane. „Das ist mein neuestes Stück. Es hat Ketten“, strahlt er. Mehr will er dazu noch nicht verraten.