Die deutsche Grammatik gleicht einem sächsischen Swingerklub: Alles kann, nichts muss“, schrieb Jan Weiler, Journalist und Buchautor („Maria, ihm schmeckt’s nicht!“), unlängst in seiner wöchentlichen Kolumne für eine große Sonntagszeitung. (Was das spezifisch Sächsische an dem Etablissement sein soll, hat sich mir allerdings nicht erschlossen – vermutlich mangels Ortskenntnissen.) Im Großen und Ganzen hat Weiler mit seinem lockeren Spruch wohl doch den Finger in die Wunde gelegt. „Keine Regel ohne Ausnahme“ scheint gängiges Motto bei der Rechtschreibung zu sein. Und die jüngste Rechtschreibreform hat da ja auch nicht für mehr Klarheit gesorgt. So lässt das amtliche Regelwerk bei etwa 2500 Wörtern unterschiedliche Schreibweisen wie „kennenlernen“ und „kennen lernen“ oder „Delphin“ und „Delfin“ zu.

Diese große Freiheit kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein paar Dinge dennoch festgeschrieben sind – worauf uns Leser mit der Nase stoßen, wenn uns ein Fehler unterlief. So beklagte eine Leserin aus Magdeburg, dass es „zwar grammatisch falsch, aber dennoch weit verbreitet“ sei, bei den Präpositionen „nahe“ und „entsprechend“ statt des Dativs den Genitiv zu gebrauchen. An der Stelle ist der Duden tatsächlich eindeutig: „Präposition mit Dativ“ sagt er in beiden Fällen und nennt als Beispiele „nahe dem Fluss“ und „entsprechend seinem Vorschlag“. Weniger strikt ist er inzwischen beim Gebrauch von „wegen“. Präposition mit Genitiv, sagt der Duden, sanktioniert aber „umgangssprachlich auch mit Dativ“, zum Beispiel „wegen dem Kind“.

Auch bei dem Verb „brauchen“ registriert der Duden die umgangssprachliche Variante, nämlich die ohne „zu“. Dass diese gelegentlich den Weg auch in die Zeitung findet, war einem Leser aus Jerichow aufgefallen, der daran erinnerte: „Wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen!“ Das sieht im Prinzip auch der Duden so, wo es heißt, „brauchen“ im Sinne von „müssen“ sei mit Infinitiv mit „zu“ zu gebrauchen, aber...

In der Zeitung freilich ist das Umgangssprachliche eher nicht erwünscht.