Paris (dpa) -  Das Vergegenwärtigen der Vergangenheit nennt Claude Lanzmann seine Arbeit. Dabei holt er Ereignisse in die Gegenwart zurück, die mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte zu tun haben: dem Holocaust.

Als Dokumentarfilmregisseur hat ihn vor allem Shoah berühmt gemacht. Als Schriftsteller beugt sich der Franzose, der mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre befreundet und mit der Feministin Simone de Beauvoir liiert war, vor allem über sein eigenes Leben. Zu seinem 90. Geburtstag an diesem Freitag (27. November) ist in Deutschland nun sein jüngstes Buch Das Grab des göttlichen Tauchers erschienen.

Der Titel des Buches bezieht sich auf die 1968 entdeckten griechischen Grabmalereien in der Ruinenstätte Paestum etwa 90 Kilometer von Neapel entfernt. Sie zeigen einen nackten Mann, der von einem Sprungturm kopfüber ins azurblaue Meer springt. Alle wichtigen Entscheidungen, die ich zu treffen hatte, waren wie Kopfsprünge, Sturzflüge ins Leere, begründet Lanzmann in seinem Vorwort die Wahl des Titels, der Ende Oktober im Rowohlt Verlag erschienen ist.

Lanzmann hat diesen Wasserspringer zu einer Metapher für sein Leben gemacht. Er habe stets nach der Wahrheit getaucht, und nicht nur im Meer, wie er auf den ersten Seiten schreibt. Er fordere deshalb auch den Rang des Tauchers für sich ein. Zu den Abenteuern, die er nicht zurückgewiesen habe, gehören sein Engagement in der Résistance, der französischen Widerstandsbewegung, sein Holocaust-Film Shoah und das Buch Der patagonische Hase. Mit dem Memoirenband, der 2010 auch auf Deutsch erschienen ist, hat sich der gebürtige Pariser noch in hohem Alter in seine Karriere als Schriftsteller gestürzt - und erfolgreich sein Debüt gefeiert.

In dem Grab des göttlichen Tauchers nimmt er erneut sein Leben unter die Lupe - diesmal jedoch das als Schreiber, wie er sich zu dieser Zeit selber nannte. Denn bevor Lanzmann zu einem der bedeutendsten Dokumentarfilmer über den Holocaust wurde, hat er als Journalist für verschiedene Medien gearbeitet, darunter auch für die von Jean-Paul Sartre gegründete Zeitschrift Les Temps modernes. Und so vereint Lanzmann in dem Buch seine Reportagen und Artikel über Israel, den Dalai-Lama, den Algerienkrieg oder den deutschen Regisseur Rainer Werner Fassbinder.

Texte, die Zeugnis ablegen über sein bewegtes Leben und die Zeit, in die er als Sohn einer Familie jüdischen Ursprungs hineingeboren wurde. Zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwester engagierte er sich noch als Schüler in der Résistance, der französischen Widerstandsbewegung gegen das kollaborierenden Vichy-Regime. Ich habe mehrere deutsche Soldaten getötet, erklärte er in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur vor wenigen Jahren. Seine Erfahrungen mit dem Antisemitismus hielten ihn jedoch nicht davon ab, nach dem Ende des Krieges nach Deutschland zu gehen, um dort Philosophie zu studieren.

Lanzmann ist eine Kämpfernatur. Er gilt als hartnäckig, eisern und kompromisslos. Ohne diese Eigenschaften wäre sein Meisterwerk Shoah wahrscheinlich nie zustande gekommen. Zwölf Jahre waren notwendig, um einen der radikalsten Filme über die Vernichtung europäischer Juden im Nationalsozialismus zu drehen. Jahre voller Widerstände und Hindernisse, denn Lanzmann lässt in dem mehr als neunstündigen Film Opfer und Täter zu Wort kommen.

In Warum Israel, seinem ersten Film aus dem Jahr 1972, zeigt er die Notwendigkeit eines jüdischen Staates auf und in Sobibor verarbeitet er den Aufstand in dem gleichnamigen Vernichtungslager. Sein letztes filmisches Wagnis präsentierte er mit Der letzte der Ungerechten im Jahr 2013 auf dem Filmfestival in Cannes. Mit der Dokumentation wollte Lanzmann Benjamin Murmelstein rehabilitieren, den letzten Vorsitzenden des Judenrates von Theresienstadt. Dem mittlerweile verstorbenen Rabbiner wurde Kollaboration mit den Nazis vorgeworfen. 

Der Tod und die Suche nach Wahrheit sind die großen Themen, um die sich sein Schaffen dreht. Einen besseren Titel für sein jüngstes Buch hätte Lanzmann deshalb nicht finden können, denn in dem Kopfüber des Tauchers von Paestum wird der Sprung in den Tod gesehen. 

NAME BERUF ALTER GEBURTSDATUM GEBURTSORT GEBURTSLAND
TIMOSCHENKO, Julia ukrainische Politikerin 55 27.11.1960 Dnjepropetrowsk Sowjetunion
BIGELOW, Kathryn amerikanische Regisseurin 64 27.11.1951 San Carlos USA
SANDER, Jil deutsche Modeschöpferin und Unternehmerin 72 27.11.1943 Wesselburen Deutschland