Stadtallendorf (dpa) - Auf dem Weg immer weiter nach unten fand Eike Immel dann doch irgendwann die Bremse. Oder besser gesagt: Wolfgang Schratz war es, der sie fand.

Der Unternehmer reichte dem ehemaligen Fußball-Nationaltorwart die Hand, brachte ihn nach vielen persönlichen Tiefschlägen einschließlich der Privatinsolvenz zu seinem Heimatverein TSV Eintracht Stadtallendorf zurück - und sicherte Immel damit womöglich das Überleben.

"Diese Hilfe war lebensrettend. Ich weiß nicht, wie es sonst weitergegangen wäre", sagt der Europameister von 1980, der beim nordhessischen Regionalligisten die zweite Mannschaft in der Kreisliga trainiert und sich um die Torhüter des Vereins kümmert.

Der Anruf des TSV-Finanzmanagers 2015 sei am "tiefsten Punkt" seines Lebens gekommen. Endlich habe er sich nicht mehr fragen müssen: "Wo wohne ich? Was esse ich?" Und das nach einer Profikarriere, die einst bei Borussia Dortmund begann und in deren Verlauf er mit dem VfB Stuttgart 1992 deutscher Meister wurde. Heute wird Immel 60 Jahre alt.

"Das ist das, was ich kann. Da kann mir keiner etwas vormachen", sagt der Vize-Weltmeister von 1982 und 1986 zu seinem Job als Torwarttrainer. Ihm gehe es gerade "super gut", nachdem er sich kürzlich auch noch mit dem Coronavirus infiziert hatte. Aber auch wenn die Krankheit Covid-19 bei ihm zwei Tage lang "richtig schlimm" war: Der in Stadtallendorf auf einem Bauernhof geborene Jubilar hat schon ganz andere Dinge erlebt.

Schlechte Berater zu Beginn seiner Karriere, Fehlinvestitionen in Immobilien, ein ausschweifendes Leben mit Luxusautos, Frauen und viel zu hohen Ausgaben - die Folge: 2008 musste Immel Privatinsolvenz anmelden und ging ins RTL-Dschungelcamp, um zumindest einen Teil seiner horrenden Schulden zu begleichen.

Auch wenn die TV-Show sein damals schlechtes Image in der Öffentlichkeit nicht wirklich verbesserte: Er selbst sieht darin kein Problem. "Man geht da rein, weil man Geld braucht. Ich würde das jederzeit wieder machen, weil es einfach ein Abenteuer ist."

Was ihm vorerst blieb, waren die ständigen Probleme wegen seiner kaputten Hüften. Die Schmerzen waren die Folge einer langen Karriere, die ihn früh zum Star und zu einem der besten Torhüter seiner Zeit machte. Im Alter von 17 Jahren spielt das Toptalent für Dortmund in der Bundesliga, mit 19 folgt das Debüt in der Nationalmannschaft und im selben Alter wird er schon Europameister. In dem frühen Aufstieg sieht Immel auch die Ursache seiner vielen Probleme. "Das lief wohl alles zu leicht und zu schnell", sagt Immel, der nach der EM 1988 völlig überhastet aus der Nationalelf zurücktrat.

Trotz des EM-Titels sieht er den Meistertitel mit dem VfB Stuttgart unter Trainer Christoph Daum als seinen größten Erfolg. "Das würde ich ganz vorne ansetzen", sagt Immel. Bei der EM und den beiden WM-Turnieren sei er ja nur Ersatzkeeper gewesen.

Immel habe viel Wert gelegt "auf das Stellungsspiel", erklärt Daum, unter dem er später auch als Torwarttrainer in Istanbul arbeitete. Für ihn sei das alles Entscheidende bei einem Torwart gewesen, "wie er sich in entscheidenden Situationen positioniert." Immel aber sei auch ein "sehr gutgläubiger Mensch. Und das ist vermutlich auch ein Grund dafür, dass er in seinem Leben in einige schwierige Situationen geraten ist."

Als er dann 2016 die Hilfe von Wolfgang Schratz annahm, "musste man ihn an der Hand nehmen", wie der Unternehmer erzählt. Schratz sorgte dafür, dass sein unsteter Schützling, der zwischenzeitlich nicht einmal krankenversichert war, wieder einen halbwegs geregelten Alltag hatte. Er beschaffte ihm in Stadtallendorf eine kleine Wohnung und sorgte dafür, dass beide Hüften operiert wurden. Auch ein kleines Gehalt zahlt ihm der Verein. Immel ist Schratz und der Eintracht dafür unendlich dankbar, wie er immer wieder betont.

Seinen runden Geburtstag kann er wegen Corona nicht groß feiern, wird aber immerhin seine zwei erwachsenen Kinder sehen. Dann will Immel bald ein Buch fertigstellen, an dem er gerade arbeitet. "Ich möchte 1000 Dinge erzählen, die noch keiner weiß."

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