Stuttgart (dpa) - 29 Jahre jung war Lore Alt als sie ihren ersten Weltmeistertitel im Schnellschreiben auf einer - damals noch - mechanischen Schreibmaschine gewann.

Im Palast von Monaco wurde der Stuttgarterin im Jahr 1955 ihre erste internationale Trophäe überreicht: Eine gläserne Steh-Uhr mit einer Inschrift des Fürstentums. Es sollte nicht ihr letzter WM-Titel sein. Alt, die am 29. November ihren 95. Geburtstag feiert, zählt insgesamt vier von dieser Sorte. Ihre alte Schreibmaschine hat sie einem Museum geschenkt.

An einem Samstag beim Putzen hört Lore Alt im Radio, dass in Schwäbisch Gmünd die württembergischen Meisterschaften im Schnellschreiben ausgetragen werden. Alt, von Beruf Sekretärin, meldet sich an. "Es gab immer wieder Leute, die mir gesagt haben, du schreibst so schnell auf der Schreibmaschine. Dann habe ich es halt probiert", erzählt die Seniorin.

Mit ihrem Mann fährt sie nach Schwäbisch Gmünd und gewinnt auf Anhieb. "Da wir auf Adler-Schreibmaschinen schrieben, wurde das Unternehmen auf mich aufmerksam und ich wurde dann das Aushängeschild", erinnert sich Alt. Vier Wochen nach ihrem ersten Titel fährt sie nach Hamburg und gewinnt auch dort. Fortan nennt sie sich auch Deutsche Meisterin.

Als dann 1955 die Weltmeisterschaften in Monaco stattfinden, ist auch Alt dabei. "Es war wahnsinnig heiß an dem Prüfungstag, um die 35 Grad. Aber ich habe das Gefühl gehabt, es läuft." Geübt habe sie davor nicht viel, vielleicht einmal in der Woche, erzählt Alt. "Vor allem ging es um das Einüben besonderer Griffe." Diese könnte sie heute gar nicht ausführen, auch das Schreiben an der Schreibmaschine geht nicht mehr, Arthrose in den Händen macht ihr zu schaffen. "Ich schreibe heute noch alle Notizen in Stenografie."

Insgesamt vier Weltmeistertitel holt die junge Frau, auf den ersten folgt 1957 in Mailand der zweite. 1959 sind es gleich zwei in Wien: Es finden Wettbewerbe im Schnellschreiben und im Sicherheitsschreiben statt. 30 Minuten haben die internationalen Kandidaten Zeit, um von in der jeweiligen Landessprache beschrifteten Blättern so viel wie möglich abzutippen. Und die Regeln sind streng. Beim Schnellschreiben werden pro Fehler 50 Anschläge abgezogen, beim Sicherheitsschreiben 500.

Der "Spiegel" widmet ihr im Jahr 1959 folgende Zeilen: "Lore Alt, 33, Sekretärin in einer Stuttgarter Berufsfachschule, Weltmeisterin im Maschinenschreiben (592 Anschläge in der Minute), brandmarkte auf einer Demonstrationstour durch England vor Londoner Reportern die Hindernisse für schnelle weibliche Arbeit im Büro: Während Ringe und Armreifen das Schreiben an der Maschine behinderten, seien enge Röcke, hochhackige Schuhe, kräftiges Make-up sowie Liebesromanzen geeignet, die Aufmerksamkeit der Stenotypistin zu beeinträchtigen. Die besten Sekretärinnen, so urteilte der Champion der Schreibmaschine, seien unerschütterliche, glücklich verheiratete Frauen."

In jener Zeit reist Lore Alt in viele Länder, Holland, Marokko, Frankreich und zu einem BBC-Interview nach London. "Das war eine wunderschöne Zeit". Vor allem deshalb, weil man aus dem Nachkriegsdeutschland wieder die Möglichkeit bekam, an Wettbewerben teilzunehmen und die Welt zu bereisen.

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