München (dpa) - Normalerweise raten Eltern ihren Kindern zu einem ordentlichen Beruf. Jurist, Ingenieur oder Arzt, bloß keine brotlose Kunst wie Malerei, Musik oder Schauspiel. Bei Michael Verhoeven war das anders.

Sein Vater, der berühmte Theatermann Paul Verhoeven, war entsetzt, als sein Sohn anfing, Medizin zu studieren. "Wie kann man, wenn man als Schauspieler Chancen hat und gewollt ist, Arzt werden wollen? Das ist doch ein totaler Missgriff", erinnert sich Verhoeven an dessen Reaktion.

Heute wäre der Vater sicher zufrieden. Sein Sohn gilt als einer der wichtigsten politischen Regisseure, ist mit der Schauspielerin Senta Berger glücklich verheiratet und hat die Filmleidenschaft an die beiden Söhne Simon und Luca weitergegeben. Heute wird Michael Verhoeven, der in Grünwald bei München wohnt, 80 Jahre alt.

Er habe viel Glück gehabt, sagt der Regisseur rückblickend. Während des Zweiten Weltkrieges blieb ihm vieles erspart. Als die Bomben auf Berlin fielen, flüchtete die Familie auf einen Bauernhof bei Coburg, wo es viele Tiere gab. "Ich habe eine sehr schöne Kindheit gehabt." Ein "zufälliges Glück" sei das damals gewesen. "Ich habe ein bisschen schlechtes Gewissen deswegen, das war ja eine Leidenszeit für viele." Ungetrübt war die Kindheit dennoch nicht ganz. "Ich war auch ein Flüchtling und wurde deshalb sehr beschimpft von den Gleichaltrigen. Wir waren Vrecker - wir sollten verrecken."

Einige Jahre später in München sammelte Verhoeven andere Erfahrungen. Nachdem er mit 12 den Film "Das doppelte Lottchen" gesehen hatte, war er hingerissen von den Zwillings-Darstellerinnen. Er fand heraus, wo sie wohnten, und versuchte täglich, einen Blick auf sie zu erhaschen. "Ich habe sogar meinen Schulweg geändert, um dort vorbeizukommen, und bin ungefähr ein Vierteljahr lang jeden Tag zu spät gekommen und habe eine Strafe bekommen. Irgendwann habe ich sie angesprochen."

Später stand Verhoeven mit den Mädchen auf der Bühne des Theaters "Die kleine Freiheit" und spielte "Pünktchen und Anton", bevor er auch zum Film kam. Dabei lernte er den Schriftsteller Erich Kästner kennen, der ihn faszinierte und mit dem er sich gerne unterhielt, auch über politische Themen, die ihn schon früh interessierten. "Das habe ich mitbekommen zuhause. Meine Eltern waren sehr wach und auch sehr kritisch, bei uns wurde alles bei Tisch besprochen." Auch die damals jüngste Vergangenheit - Deutschland im Nationalsozialismus. "Im Geschichtsunterricht wurde alles verschwiegen. 1957 habe ich Abitur gemacht und wir haben das Dritte Reich nicht erreicht, wir haben mit der Weimarer Republik aufgehört."

Das faschistische Deutschland - ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Verhoevens Werk zieht. 1982 brachte er nach vielen Schwierigkeiten "Die weiße Rose" ins Kino, mit Lena Stolze als Sophie Scholl, die mit Gleichgesinnten wegen ihres Widerstands gegen die Nazis verhaftet und hingerichtet wurde. "Ich wollte diesen Blick auf die deutsche Geschichte und ich hatte das Bedürfnis, dass das nicht nur in den Büchern bleibt", sagt Verhoeven.

1970 wirbelte er die Filmfestspiele in Berlin durcheinander mit dem Film "O.K.", mit dem er die fehlende kritische Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg deutlich machen wollte. Der Berlinale-Jurypräsident George Stevens, der aus den USA kam, fühlte sich beleidigt, und nach einigem Tumult brach die Jury auseinander, so dass es am Ende gar keine Preise gab. "Das war nicht einmal ein Film gegen Amerika, sondern gegen uns, die wir das einfach so unreflektiert mitmachen und uns diesen Vietnamkrieg am Abend im Fernsehen zur Unterhaltung anschauen", meint Verhoeven dazu.

Ein Filmemacher mit Hang zu gesellschaftskritischen Themen ist Verhoeven bis heute. Er sei ein kritischer, aber nie verbitterter Warner und Mahner, lobte Ex-Kulturstaatsminister Bernd Neumann, als er ihm 2012 den Friedenspreis des Deutschen Films in München übergab. Einer, der am liebsten nur Komödien drehen würde, aber dann doch wieder bei anspruchsvollen, schwierigen Themen lande.

Doch es gibt Ausnahmen. Etwa die ZDF-Serie "Die schnelle Gerdi" über eine Taxifahrerin in München. Die Hauptrolle spielte Senta Berger, mit der er seit 1966 verheiratet ist, auch wenn es anfangs ziemlich krachte zwischen ihnen. "Unsere Bekanntschaft begann mit einem fulminanten Streit um Fellinis Film 'Achteinhalb'", verriet Verhoeven mal vor einigen Jahren. Die attraktive Senta, die gerade zu einer internationalen Karriere aufbrach, gefiel dem jungen Schauspieler Verhoeven trotzdem sehr, vielleicht gerade deshalb. 1963 war die Sache dann klar, als sie gemeinsam den Film "Jack und Jenny" drehten. "Seitdem sind wir zusammen, das ist doch schön."

Sie führen eine skandalfreie Ehe fernab der Klatschspalten und wirken bei ihren gemeinsamen Auftritten zufrieden. "Ich hätte gern, dass die Zeit, die uns noch bleibt, viel langsamer vergeht", hatte Verhoeven mal erklärt. So ist es kein Wunder, dass er seinen 80. Geburtstag nur mit ihr verbringen will, ab ins Flugzeug und weg. "Ich feiere nur mit der Senta, da ist niemand eingeweiht, wir hauen ab."