London (dpa) - Seit Jahrzehnten lebt die Oscar-gekrönte Blondine zurückgezogen in Wales. Abseits vom Hollywood-Rummel und Fanzirkus ist Julie Christie glücklich; auf ihrem Bauernhof hat sie sich so etwas wie eine kreative Ersatzfamilie geschaffen. Ihr letzter Film liegt bereits acht Jahre zurück.

Heute feiert sie Geburtstag. Aber wie das bei alternden Filmstars so ist: Übers Alter spricht man nicht. Deshalb ist bis heute unklar, ob Julie Christie schon 80 oder erst 79 wird. Viele Texte geben ihr Geburtsjahr als 1941 an. Doch es gibt einige ernstzunehmende Quellen, die auf 1940 bestehen, wie das renommierte Lexikon "Encyclopaedia Britannica", die international anerkannte Filmdatenbank IMDB und das British Film Institute.

Mit blonder Mähne und tiefblauen Augen verkörperte Christie das neue Frauenbild der Swinging Sixties: sexy, selbstbewusst, aber gleichzeitig gefühlvoll. Modezeitschriften feierten ihre Filmkostüme wie den langen Wintermantel der Lara in "Doktor Schiwago", dem unvergesslichen Schmachtfetzen über Liebe in Zeiten der russischen Revolution. Das einflussreiche "Time Magazine" urteilte 1967: "Was Julie Christie trägt, hat einen größeren Einfluss auf die Mode als alle Kleidungsstücke der zehn bestgekleideten Frauen zusammen."

Doch selbst auf der Höhe ihres Erfolges litt die Hollywoodschönheit unter starken Selbstzweifeln: "Ich war immer sehr ängstlich", verriet sie dem "Guardian". "Ich hatte nie das Gefühl, cool genug oder richtig gekleidet zu sein." Das führte dazu, dass sie kaum Interviews gibt: "Die Leute leiden irgendwie darunter, dass ich nicht die Person bin, die ich war", erklärte die Oscar-Preisträgerin in einem ihrer seltenen Gespräche mit Journalisten. "Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich nicht mögen, weil ich mit all meinen Falten und Fältchen auftrete."

Christie verbrachte ihre Kindheit auf einer Teeplantage, die ihr Vater im indischen Assam in den letzten Jahren der britischen Kolonialherrschaft managte. Als ihre Eltern sich trennten, wurde sie mit sechs Jahren nach England in die Klosterschule geschickt. Ihre Mutter sah sie erst als Teenager wieder - ein Trauma, das sie ihr Leben lang begleiten sollte. Zudem schämte sich ihre Mutter dafür, dass ihre Tochter Schauspielerin wurde, nachdem sie in London und Paris studiert hatte.

Ihren Durchbruch hatte Julie Christie mit John Schlesingers "Geliebter Spinner" (1963). Mit Mitte 20 gewann sie den Oscar für ihre Hauptrolle in Schlesingers "Darling" (1965), in dem sie als ehrgeiziges Fotomodell für die Zügellosigkeit der Swinging Sixties stand. Auch in Schlesingers Thomas-Hardy-Adaption "Die Herrin von Thornhill" (1967) spielte sie wieder eine Femme fatale. Ein Flop an der Kinokasse und verrissen von den Kritikern, doch als Klassiker wiederentdeckt und neu verfilmt.

In den Siebzigern lieferte sie ihre besten Darstellungen: 1971 erhielt sie eine weitere Oscar-Nominierung für Robert Altmans "McCabe & Mrs. Miller" an der Seite ihres damaligen Liebhabers Warren Beatty. Er spielte einen Spieler, sie eine Puffmutter: "Der Film ist so ungemein privat", verriet sie dem US-Starkritiker Roger Ebert. "Es ist, als ob das Publikum durch ein Fenster hineinschaut..."

In ihren Filmen gab sie alles, erschien verwundbar und offen. Das beste Beispiel dafür ist Nicolas Roegs legendärer Psychothriller "Wenn die Gondeln Trauer tragen" (1973) mit Donald Sutherland. 1996 spielte sie die Gertrude in Kenneth Branaghs mehrfach ausgezeichnetem "Hamlet" bevor sie 1997 für ihre Hauptrolle in der Tragikomödie "Liebesflüstern" wieder für den Oscar nominiert wurde - genauso wie für ihre Darstellung einer an Alzheimer erkrankten Frau in "An ihrer Seite" (2006). "Ich glaube ich arbeite nur alle zehn Jahre richtig", gestand sie damals dem "Independent".

Allerdings nahm sie auch hin und wieder Kleinstrollen in Hollywood-Blockbustern an, um zum Beispiel das Geld für Dachreparaturen zu verdienen, wie sie freimütig zugab. Dazu gehörten Auftritte in "Harry Potter und der Gefangene von Askaban" und Wolfgang Petersens "Troja": "Ich hatte einen ganzen Tag in einer maltesischen Bucht zu tun", schwärmte sie darüber im "New Yorker", "in der ich mit Brad Pitt, einem charmanten und nachdenklichen jungen Mann, auf einem dieser Regiestühle saß. Was könnte schöner sein?"

Zuletzt war sie in dem 2012er Politthriller "The Company You Keep - Die Akte Grant" zu sehen. Sie spielt neben Robert Redford, Shia LaBeouf und Susan Sarandon ein ehemaliges Mitglied der US-Untergrundorganisation "The Weathermen". Vielleicht hatte es ihr diese Rolle aus politischen Gründen angetan: Seit Jahrzehnten engagiert sie sich gegen Atomwaffen, Tierversuche und Folter.

Doch nur fernab von Hollywood ist Julie Christie wirklich glücklich. Der Klatschzeitschrift "People" sagte sie: "Ich bin jetzt viel zufriedener, als ich es wahrscheinlich seit meiner Geburt war."