Frankfurt/Main (dpa) - Sie ist eben doch "seine Bank", die Commerzbank. "Ich habe mich immer bemüht, mit dieser Bank so sorgsam umzugehen, als sei sie meine eigene", sagt Klaus-Peter Müller. 52 Jahre hat "KPM" der Commerzbank die Treue gehalten, war Chef von Vorstand (Mai 2001-Mai 2008) und Aufsichtsrat (Mai 2008-Mai 2018). Am Montag (16.9.) feiert Müller seinen 75. Geburtstag.

Auf den ersten Blick könnte man Müller unterschätzen. Sein Lebenslauf wirke "etwas langweilig", schreibt wenig schmeichelhaft der "Spiegel im November 2000. Die Kurzfassung: Geboren am 16. September 1944, verheiratet, eine Tochter. In Diensten des Geldhauses mit dem gelben Logo seit dem Alter von 22 Jahren. Das Fazit des Nachrichtenmagazins im November 2000: "Klingt nicht besonders aufregend, aber der Eindruck täuscht."

In der Tat: Kaum hat Müller seinen Mentor Martin Kohlhaussen beerbt, macht er als "eiserner Sparkommissar" Schlagzeilen. Müller verordnet dem als Übernahmekandidat gehandelten Institut einen harten Sparkurs. Die Wende glückte - zumindest vorübergehend: Die Commerzbank etablierte sich als Nummer zwei hinter der Deutschen Bank.

Doch in Müllers Amtszeit als Vorstandschef fiel auch die Übernahme des inzwischen abgewickelten Immobilien- und Staatsfinanzierers Eurohypo. Zudem fädelte Müller gemeinsam mit Nachfolger Martin Blessing in der Finanzkrise 2008 den Kauf der Dresdner Bank ein. Eine folgenreiche Entscheidung: Steuermilliarden bewahrten die Commerzbank vor dem Kollaps, bis heute ist der Bund mit gut 15 Prozent größter Aktionär. Das Attribut "teilverstaatlicht" hören sie in Deutschlands höchstem Hochhaus in der Frankfurter Innenstadt gar nicht gerne.

"Der Erwerb der Dresdner Bank war eine von uns sorgfältig überlegte und sehr rationale und gute Entscheidung", betont Müller im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Was die zeitliche Abfolge des Kaufs angeht, muss ich im Nachhinein einräumen: Der Zeitpunkt war unglücklich. Aber wer hätte vorhersehen können, dass Lehman Brothers pleitegehen würde? Dennoch haben wir diese Fusion innerhalb von zwei Jahren umgesetzt. Dafür müssen wir uns nicht schämen." Der Bund sei "ein guter, verlässlicher Partner", sagt Müller. "Die Entscheidung, ob und wann er seinen Anteil veräußert, liegt allein beim Bund."

Als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (März 2005-März 2009) wird Müller in der Finanzkrise 2007/2008 zum Krisenmanager - und schafft etwas, was damals undenkbar zu sein scheint: Er ist beliebt, obwohl er Banker ist. Denn Müller räumt frühzeitig ein, dass die Branche Fehler gemacht hat - und dass man sich als Banker auch nicht schämen muss, wenn der Staat einen raushaut.

Gelernt hat Müller sein Handwerk von der Pike auf. 1944 geboren im Eifel-Dörfchen Duppach absolviert der Sohn des damaligen Düsseldorfer Oberbürgermeisters nach der Schulzeit eine Banklehre bei der Düsseldorfer Privatbank Friedrich Simon (1962-1964). Nach dem anschließenden Wehrdienst fängt der Oberstleutnant der Reserve 1966 bei der Commerzbank an. Als Trainee geht Müller 1968 in die USA - und eröffnet 1971 in New York die erste US-Filiale einer deutschen Bank.

Mitte der 70er Jahre habe er "ernsthaft überlegt in die Landespolitik zu gehen", schildert Müller, der seit 1961 CDU-Mitglied ist. Er habe sich als damals jüngster Commerzbank-Abteilungsdirektor mit 29 Jahren jedoch für die Bank entschieden. "Ich arbeite zu gerne als Bankkaufmann, als dass ich mich politisch engagieren möchte. Dennoch bin ich ein sehr politisch denkender, politisch handelnder Mensch."

Tatendrang beweist Müller nach der Wende: Als Leiter der "Zentralen Abteilung zur Vorbereitung des DDR-Geschäfts" sorgt er dafür, dass die Commerzbank in Ostdeutschland bald flächendeckend vertreten ist. Manches Problem dabei löst Müller auf unnachahmliche Weise: Als die frischen Scheine in der Commerzbank-Filiale in Gera knapp zu werden drohen, setzt sich Müller in den Trabant eines Kollegen und fährt zur Zweigstelle der Bundesbank. Er legt dem Beamten Personalausweis und Visitenkarte vor und bittet um Auszahlung von einer Million D-Mark. Müller bekommt, was er will, steckt die Scheine in eine Aktentasche und bringt sie zur Commerzbank: "Ich habe mich in dem Trabi sicherer gefühlt als in jedem Mercedes, weil ja niemand darauf gekommen wäre, dass wir in diesem Auto eine Million Mark dabei haben", zitiert ihn die Bank in einer Mitteilung 25 Jahre nach der Deutschen Einheit.

Im Mai 2008 wechselte Müller nach sieben Jahren als Vorstandschef in den Aufsichtsrat des Konzerns. Dass er direkt Vorsitzender des Kontrollgremiums wird, trägt ihm Kritik ein - zumal Müller fast zeitgleich zum Vorsitzenden der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex bestellt wird (Juni 2008-August 2013), die für solche Jobwechsel eine Übergangsphase von zwei Jahren empfiehlt.

Beinahe hätte Fußball-Fan Müller, der sowohl den Frauen des 1. FFC Frankfurt als auch den Männern von Eintracht Frankfurt und Fortuna Düsseldorf die Daumen hält, einen anderen Verein wieder in die Spur bringen sollen: Bei der Suche nach einem neuen Präsidenten für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) fiel sein Name. Müller winkte ab: "Ich war nicht der Meinung, dass die Satzungsänderung, die erforderlich gewesen wäre, für einen 75-Jährigen ein guter Start gewesen wäre."

Die nötige Fitness hätte Müller, der in seiner Freizeit gerne durch den Taunus radelt, augenscheinlich gehabt. In 52 Jahren Commerzbank habe er nur 7 Tage krankheitsbedingt gefehlt, berichtet der gebürtige Rheinländer - und natürlich jedes Jahr zur Fastnacht: "Meine Fröhlichkeit ist genetisch eingepflanzt."

Mitteilung Commerzbank zum Wechsel im Aufsichtsratsvorsitz 8. Mai 2018

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