New York (dpa) - Die 80er haben gut angefangen für Annie Proulx. 2016 - kurz nach ihrem 80. Geburtstag - veröffentlichte die US-Schriftstellerin ihren jüngsten Roman "Barkskins".

In Deutschland erschien das Buch zwei Jahre später unter dem Titel "Aus hartem Holz" und seit Mai ist die Verfilmung des Werks über die Abholzung von Wäldern auch als Serie bei National Geographic zu sehen. "Es ist ein altmodisches Buch", sagte die Autorin, die heute 85 Jahre alt wird, dem britischen "Guardian".

"Es ist lang, es hat viele Protagonisten, es hat ein großes Thema. Es geht nicht um die Selbstbetrachtung kaputter Familien, wie es die meisten amerikanischen Autoren lieben. Es ist anders, aber ich glaube, dass die Menschen diese Bücher von früher vermissen - große vorsichtig geschriebene Bücher."

Zwischendurch hat Proulx in ihren 80ern bereits mehrere Auszeichnungen eingesammelt, darunter den Fitzgerald-Preis 2017 und den Preis der Library of Congress 2018. "Proulx hat uns monumentale Sagen und scharfäugige, geschickt bearbeitete Geschichten gegeben", begründete die Chefin der Library of Congress, Carla Hayden, die Auswahl. Die Autorin sei ein "amerikanisches Original".

Aber Proulx macht sich nach eigener Aussage nicht viel aus Auszeichnungen. "Ich weiß, man sollte dankbar, zufrieden und erfreut sein, auf und ab springen und schreien, aber das kann ich einfach nicht." Überhaupt sei sie "herrisch, ungeduldig, zurückgezogen und schüchtern, aufbrausend und zielstrebig", schrieb sie einmal über sich selbst.

Am liebsten möge sie einsame Landschaften, widrige Wetterbedingungen und Nächte am Schreibtisch. "Mein ganzes Leben verbringe ich schon auf dem Land", sagte die Autorin der "Paris Review". "Das Schriftsteller-Leben ist perfekt für mich. Ich kann mein eigenes Ding machen und nachts um drei arbeiten, wenn ich will." Interviews hasse sie, genauso wie Geburtstagspartys, sagte sie einmal der Deutschen Presse-Agentur. "Ich habe noch nie einen Geburtstag gefeiert und werde jetzt nicht damit anfangen."

An ihren ganz großen Erfolg, die Kurzgeschichte "Brokeback Mountain", die zur Vorlage für einen Oscar-gekrönten Film wurde und sie weltberühmt machte, denkt die Autorin nur ungern. "Ich wünschte, ich hätte die Geschichte nie geschrieben. Seit der Film herausgekommen ist, gab es deswegen nur Ärger, Probleme und Irritationen."

Die Bewohner ihrer damaligen Wahlheimat Wyoming, dem extrem dünn besiedelten und rauen Rocky-Mountains-Staat im Nordwesten der USA, würden die Geschichte über die heimliche Liebe zweier Cowboys sowieso nicht lesen. "Ein großer Teil von ihnen ist immer noch außer sich vor Wut." Aber der Film sei insgesamt von vielen Leuten missverstanden worden: Es gehe gar nicht in erster Linie um die beiden Hauptdarsteller, sondern "um Homophobie, eine soziale Situation, einen Ort und eine besondere Denkart und Moral".

Um ihre Sichtweise auf die Geschichte noch einmal zu unterstreichen, schrieb Proulx 2014 das Libretto zu einer darauf basierenden Oper, die in Madrid uraufgeführt wurde. Ansonsten aber hat sie die Geschichte längst abgehakt und seitdem schon zahlreiche erfolgreiche Bücher wie "Mitten in Amerika", "Hinterland", "Hier hat's mir schon immer gefallen" und ihre Memoiren "Ein Haus in der Wildnis" veröffentlicht.

Weiterhin populär sind auch ihre Romane aus den frühen 90er Jahren - "Postkarten", für den sie als erste Frau den PEN/Faulkner-Preis bekam, und "Schiffsmeldungen", der ebenfalls erfolgreich verfilmt wurde und für den sie den Pulitzerpreis bekam. Alle ihre Texte haben mit Landschaften zu tun.

Bevor sie mit dem Schreiben loslegt, erkundet sie Geologie und Geografie, Klima und Wetter ihrer Schauplätze und lebt den Alltag, den die Landstriche ihren Protagonisten diktieren. Proulx entdeckt Schönheit im Verfall und sieht Elend in vermeintlicher Harmonie. Kritiker loben ihren klaren und detailversessenen Stil.

Dabei kam die 1935 in Norwich im US-Ostküstenstaat Connecticut geborene Proulx erst mit mehr als 50 Jahren zum Schreiben. "Ich sah mich nie als Schriftstellerin. Ich bin nur dazugekommen, weil ich von irgendetwas leben musste. Und dann habe ich herausgefunden, dass ich es wirklich kann." Davor gab es ein kurz vor der Promotion abgebrochenes Studium, etliche Jobs, "zu viele Ehen", vier Kinder, Ratgeber und Kochbücher.

"Ich war keine besonders gute oder zugewandte Mutter", sagte Proulx kürzlich dem "Guardian". "Es hat eine lange Zeit gedauert, bis das Offensichtliche offensichtlich wurde: Ich kann in einer konventionellen Familie nicht funktionieren." Heute komme sie aber mit allen vier Kindern sehr gut aus.

Auch die Welt hat Proulx bereist. An Deutschland habe sie dabei "immer ein besonderes Interesse gehabt", sagte sie einmal der Deutschen Presse-Agentur. "Ich liebe deutsche Buchhandlungen über alles und bin dankbar für jede Chance, in ihnen unterzutauchen. Der Grund ist nicht nur das reiche Angebot, sondern auch das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Büchernarren. Bei uns in den USA dreht sich doch fast alles nur noch um das elektronische Leseangebot."

Schlussendlich aber zieht es sie doch immer wieder in die einsamen Landschaften zurück - und an ihren Schreibtisch. "Zahlreiche Leben voller Geschichten" trage sie noch in sich, sagte sie einmal der "Paris Review". Aber sie wisse auch jetzt schon, dass diese Geschichten nicht allen Menschen gefallen würden. "Die meisten wollen es schwarz-weiß, gutes Ende, schlechtes Ende. Aber das Leben ist nicht so. Alles ist grau."

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