Prag (dpa) - Manchmal spielt der Zufall eine Rolle. Der tschechische Regisseur Jiri Menzel wäre vielleicht nie zum Film gekommen, wenn die Theaterhochschule in Prag nicht seine Bewerbung abgelehnt hätte. So wurde Menzel Student an der Filmhochschule Famu - und konnte 1968 für "Liebe nach Fahrplan" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film entgegennehmen.

Am heutigen Freitag (23.2.) wird der Filmemacher und Schauspieler nun 80 Jahre alt.

Viel Grund zum Feiern gibt es indes nicht: Seit November ist Menzel im Prager Militärkrankenhaus in den Händen von Spezialisten. Er wird deshalb nicht persönlich nach Berlin kommen können, um die Auszeichnung "Berlinale Kamera" entgegenzunehmen, wie seine Assistentin bestätigte. Mit dem Preis zeichnet das Festival Persönlichkeiten aus, denen es sich besonders verbunden fühlt. Zur Freude seiner Fans postete Menzels Frau Olga immerhin bei Facebook ein Foto des Familienvaters, wie er im Krankenbett lächelt.

Menzel gilt neben Milos Forman und Vera Chytilova als einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten tschechoslowakischen Neuen Welle. In der Zeit der politischen Lockerung des Prager Frühlings der 1960er Jahre brachte diese neue Generation eine bisher ungekannte Experimentierfreudigkeit ins tschechoslowakische Kino. Dialoge wurden improvisiert, Laienschauspieler eingesetzt und der Rahmen des sozialistischen Realismus mit Humor gesprengt.

Wie auch später "Ich habe den englischen König bedient" beruht bereits "Liebe nach Fahrplan" von 1966 auf einer Erzählung des Schriftstellers Bohumil Hrabal (1914-1997). In ihm fand Menzel einen Seelenverwandten - und sie wurden enge Freunde. Doch statt sich sklavisch an die Vorlage zu halten, schuf er mit Sinn für feinen Humor seine eigene Filmwelt. In poetischen Bildern erzählt Menzel vom Heranwachsen des jungen Bahnbediensteten Milos Hrma auf einer kleinen Station mitten im Zweiten Weltkrieg.

Zu ihrer Zeit berüchtigt war die Szene, in der der Fahrdienstleiter Hubicka einer jungen Frau den Dienststempel auf den nackten Hintern drückt. "Meinem Kameramann (Jaromir) Sofr zitterten die Hände, ich wurde rot im Gesicht, und alle waren wir nervös", sagte der privat eher scheue Menzel später über die Dreharbeiten. Noch dazu wäre die Szene beinahe von der Studioleitung zensiert worden.

"Ich wähle nicht einen Schauspieler aus, sondern ich suche einen Menschen, der eine gewisse Verletzlichkeit ausstrahlt und beim Zuschauer Empathie hervorruft", verriet Menzel einmal. Dabei steht er seit Jahren auch selbst erfolgreich vor der Kamera. In dem neuen Film "Der Dolmetscher" begleitet Menzel als Übersetzer Ali Ungár einen älteren österreichischen Lehrer (Peter Simonischek) auf einer Reise durch die Slowakei in dessen dunkle NS-Familiengeschichte.

Keine einfache Aufgabe, wie der gebürtige Prager Menzel zu Beginn der Dreharbeiten im tschechischen Rundfunk einräumte: "Ich soll einen Menschen spielen, der perfekt Deutsch und Slowakisch beherrscht - und ich spreche keine der beiden Sprachen." Doch er kämpfe heldenhaft, würdigte der Regisseur Martin Sulik den Einsatz Menzels.

Das Ergebnis zeigt die Berlinale in einer Premiere passend zum 80. Geburtstag des großen tschechischen Filmkünstlers.

Filme von und mit Jiri Menzel, auf Englisch

Filme von und mit Jiri Menzel, auf Tschechisch

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