Rostock (dpa) - "Ich bin zum Feiern nicht geeignet", sagte Falk von Wangelin kurz vor seinem 80. Geburtstag an Silvester. Doch die Freude darüber, dass ihm das Volkstheater zu seinem runden Wiegenfest eine Ausstellung eingerichtet hat, ist dem Bühnen- und Kostümbildner deutlich anzumerken.

Figurine, Bühnenmodelle, Zeichnungen zu Szenenfolgen, Collagen - Arbeiten zu mehr als 40 Aufführungen sind jetzt im Foyer des Großen Hauses zu sehen. "Ich hätte vier Mal so viel zeigen können", sagt er.

Seit 55 Jahren ist von Wangelin dem Volkstheater verbunden. Seine Augen blitzen, wenn er erzählt und er wird dabei nicht müde, die Mitarbeiter zu würdigen. 157 Inszenierungen hat er hier ausgestattet. Die Begegnung mit dem legendären Volkstheaterintendanten Hanns Anselm Perten 1964 war für den damals 25-Jährigen ein Glücksfall. Dessen Inszenierungen, vor allem die DDR-Erstaufführungen von Peter Weiss und Rolf Hochhuth, machten das Volkstheater in den 1960/70er Jahren nicht nur in der DDR, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Mehr noch, das Volkstheater wird Heimstatt von Weiss und Hochhuth. Die DDR-Bürger wollen die Stücke natürlich sehen, deren Autoren aus dem nichtsozialistischen Ausland kommen. "Man konnte einfach arbeiten", reflektiert von Wangelin heute. "Man war Teil einer Mannschaft, die ein gemeinsames Ziel hatte: Eine gute Inszenierung zu machen. Die Frage, ob Theater überhaupt noch eine Bedeutung hat, hat sich gar nicht gestellt. Es musste sich auch niemand darüber Gedanken machen, ob genügend Geld in die Kasse kommt. Heute ist das anders."

Nach zwei Jahren am Volkstheater wechselt von Wangelin nach Halberstadt (Sachsen-Anhalt). Dort bekommt er endlich die ersehnte eigene Wohnung. In Rostock gibt es für ihn keine. Von Halberstadt geht es nach Leipzig und Dresden und dann nach Berlin ans Deutsche Theater. Dort trifft er Perten wieder. Gemeinsam kehren sie 1973 zurück an die Ostsee. Von Wangelin wird Chefbühnenbildner und Ausstattungsleiter. "Ich war an allen wichtigen Theatern, die es in der DDR gab", sagt er zufrieden. Er bleibt dann in Rostock.

"Mit seinen Ausstattungen hat Falk von Wangelin das Volkstheater in die 1. Liga katapultiert", sagt Alejandro Quintana, der 1973 aus Chile immigrierte und den Bühnenbildner seit 46 Jahren kennt. Zwölf Inszenierungen haben sie nach der Wende gemeinsam realisiert, darunter auch die Uraufführung von "Hundert Jahre Einsamkeit" nach dem Roman des Literaturnobelpreisträgers Gabriel Garcia Márquez in Rostock, wo Quintana 1998-2000 Schauspieldirektor war. Für Quintana ist von Wangelin ein Poet der Bilder. Auch der Schauspieler Jürgen Reimer erinnert sich gern: "Falks Ausstattung war die halbe Inszenierung."

Mehr als 20 Jahre lang hat Falk von Wangelin die Naturbühne in Ralswiek für die Störtebeker-Festspiele eingerichtet. "Ich habe immer gesagt, mit 80 höre dort ich auf." Intendant Peter Hick schätzt vor allem den Fleiß und die Präzision seines Bühnenbildners. "Er war und ist immer noch ein wertvoller Mitarbeiter." Jetzt hat von Wangelin den Ball weiter gereicht. Sein Rat und seine Meinung sind aber immer noch gewünscht und geschätzt.

An Ruhestand denkt er auch mit 80 nicht. Er hat noch einige Pläne. Im kommenden Jahr will er Shakespeares "Hamlet" in Wismar ausstatten. Das Stück wird im Rahmen des "Theatersommers St-Georgen" zu sehen sein. "Ein Glücksfall", sagt Annette Joppke, die das Projekt verantwortet. "Falk von Wangelin kennt die Kirche gut und hat uns die Zusammenarbeit angeboten."

Der freut sich aber noch mehr auf 2021, wenn Wismar das 100. Jubiläum des Stummfilmklassikers "Nosferatu" begeht. Dann soll es die Dracula-Geschichte auf der Bühne geben, Ausstattung: Falk von Wangelin. "Ich kann ja nichts anderes", sagt er verschmitzt. Einen Traum will er nun auch endlich verwirklichen: "Ich möchte unbedingt mal in die Alpen, denn da war ich noch nie."