Köln (dpa) - Zu Begrüßung streckt Ralf König die Hand aus. Erst im letzten Moment fällt ihm ein: "Ach ja, dürfen wir ja nicht mehr!" Er hat sich immer noch nicht richtig dran gewöhnt.

Genau solche kleinen Beobachtungen liefern ihm das Material für die Comics, die er seit Beginn der Corona-Krise auf seinem Facebook-Account veröffentlicht. Heute wird der Comiczeichner 60 Jahre alt.

Corona habe seiner Kreativität einen Schub versetzt, erzählt König, er empfinde das als Geschenk. "Soviel Spaß und Freude hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr. Ich weiß um das Elend, aber persönlich fand ich es erholsam: Kein Auto fuhr mehr in der Kölner Innenstadt, und ein Restaurant, in das ich öfters gehe, verkaufte 1-Euro-Eintöpfe für Obdachlose."

Bisher war sein Prinzip immer, keine Comics gratis anzubieten, schließlich sollen die Leute seine Bücher kaufen. Doch in der Corona-Krise ist er davon abgewichen. Zum einen erhofft er sich einen Werbeeffekt, weil die Facebook-Comics wirklich durch die Decke gegangen seien. Zum zweiten reizt ihn das tagesaktuelle Arbeiten. "Man kann schnell mal einen raushauen. Das macht mir schon Spaß. Es muss sich nur am Ende finanziell rechnen."

Meist handeln die Facebook-Sachen von seinen beiden bekanntesten Figuren Konrad und Paul. Das ungleiche Paar existiert seit 1998. "Konrad ist eher so der Verkopfte, ein Kulturmensch, Musiklehrer. Und Paul ist so eine kleine schwule Ledersau. Die führen ein Eigenleben, da muss ich mir gar nicht mehr viel ausdenken. Konrad sagt dies, Paul sagt das, und schon streiten sie sich. Die sind den Leuten, glaube ich, richtig ans Herz gewachsen."

Ein großer Nachteil von Corona ist für König, dass seine Lesungen weggebrochen sind. Und die sind eigentlich sein zweites Standbein. Bei seinen Auftritten werden die Bilder mit einem Beamer an die Wand geworfen, und er liest die Sprechblasen vor. "Ich mach das wie 'ne Rampensau. Wenn die Frau hysterisch quietscht, dann quietsche ich auch, das macht mir schon Spaß. Meine Stimme ist danach immer total ramponiert, aber es ist wirklich eine Freude. Das fällt jetzt alles weg."

Auch aus einer Geburtstagsfeier wird vorerst nichts. "Mit Abstand und Mundschutz warte ich lieber." Er will 2021 groß in seinen 61. Geburtstag hineinfeiern.

König, geboren in Soest in Westfalen, zeichnet schon seit 40 Jahren. Sein Durchbruch kam 1987 mit "Der bewegte Mann", verfilmt mit Til Schweiger. Mitte der 90er versuchte das bayerische Landesjugendamt noch, Bücher von ihm zu indizieren. Heute kann es vorkommen, dass er in einem bayerischen Gottesdienst aus seinen Kirchensatiren vorliest.

Die Kritik kommt mittlerweile aus einer anderen Ecke: Ein Wandbild, das nach einem Entwurf von ihm auf eine Hausfassade in der Comic-Kapitale Brüssel gemalt worden war, wurde mit den Wörtern "rassistisch" und "transphob" besprüht. Nach einigen Monaten bekam er eine Mail von einer Aktivistin, die ihn darüber aufklärte, was eine gute Karikatur ausmache - und was nicht gehe. "Da war ich dann einfach mal ein schwuler alter weißer Mann, aber für mich ist das ok."

Angekreidet wurde ihm insbesondere die Darstellung einer schwarzen Lesbe mit dicken roten Lippen - das sei ein koloniales Stereotyp. "Dabei ist das bei mir einfach ein Zeichen für Lippenstift." Dennoch zeigt er sich einsichtig: "Ich würde das heute so nicht mehr machen."

Was er dagegen nach wie vor zurückweist, ist die Kritik an seinen restlichen Figuren, etwa an einer Drag Queen. "Da wurde mir vorgeworfen, das sei eine Trans-Frau, die traurig guckt, weil sie Haare auf den Schultern hat und dick ist. Da muss ich sagen: Also, Leute! Dass jeder gleich beleidigt ist und Künstler aus ihrem Zusammenhang gerissen beurteilt werden, da mach ich nicht mit. Ich hab meinen Humor, und wer sich empören will, bitte sehr!" Er plant sogar ein Buch zu dem Thema. Nach Corona.

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