Magdeburg/Möckern l Der ehemalige Landrat des Jerichower Landes Lothar Finzelberg und zwei der damaligen Betreiber der mit Hausmüll verfüllten Tongruben in Möckern und Vehlitz sitzen wegen Bestechung vor Gericht. Am Dienstag trat der Mann in den Zeugenstand, dessen Geständnis diese Anklage überhaupt erst möglich gemacht hat.

Der 53-jährige Kaufmann, der zum damaligen Zeitpunkt mehrere Autohäuser und Immobilien im Jerichower Land besaß, zählte vor dem Magdeburger Landgericht seine finanziellen Zugeständnisse in die Taschen von Ex-Landrat Finzelberg detailliert auf: 10 000 Euro in 500-Euro-Scheinen im parkenden Auto auf dem Burger Rolandplatz übergeben * 10 000 Euro beim Kauf des ersten Autos erlassen * wieder 10 000 Euro beim Kauf des Autos für die Tochter von Finzelberg erlassen * den Kauf des dritten Autos erneut mit 10 000 Euro unterstützt * 2000 Euro für den Landrats-Wahlkampf gesponsert * 25 000 Euro auf dem Hochsitz überreicht * regelmäßig leiht Finzelberg teure Autos kostenlos aus * 20 000 Euro von einem Konto in der Schweiz an Finzelberg übergeben * 70 000 Euro für schnelle Baugenehmigungen im Fall eines geplanten Wellnessprojektes im Jerichower Land gezahlt * 10 000 Euro für den überteuerten Verkauf eines Grundstücks von Finzelberg an eine ehemalige Mitarbeiterin von Uwe S. beigesteuert. Die Liste ist lang. Doch im Zeugenstand erinnerte Uwe S. Monat, Jahr und Situation genau.

Stellungnahmen beeinflusst

Uwe S. will mindestens 170 000 Euro dem Ex-Landrat gezahlt haben. Ein Teil davon gehörte ihm selbst, ein Teil kam von den Tongruben-Betreibern der insolventen Sporkenbach Ziegelei. Im Gegenzug soll Lothar Finzelberg Einfluss auf die Genehmigungen genommen haben, die den Müll in den Gruben möglich gemacht und damit einen großen Umweltschaden angerichtet haben.

Zwar lag die Entscheidungsgewalt vor zehn Jahren noch beim Landesamt für Geologie und Bergbau. Jedoch wichtige Stellungnahmen kamen aus der Landkreisverwaltung. Und nicht nur das: In Sachen Abfallsortieranlage lag schon damals die Zuständigkeit beim Landkreis. So auch im Fall der HRH Recycling GmbH in Rietzel, die zur Sporkenbach-Ziegelei gehörte und aus welcher der Mammut-Anteil des unerlaubten Mülls gekommen sein soll. Ein bis zwei Millionen Umsatz pro Monat sollen die Betreiber Uwe S. zufolge damit eingefahren haben.

Laut dem Zeugen begann es so: Der damalige Autohausbesitzer Uwe S. und der zukünftige Sporkenbach-Gesellschafter Edgar E. lernen sich durch den Reitunterricht der Töchter kennen. Wenig später trifft Uwe S. auch Siegfried K., späterer Mitgesellschafter und Freund von Edgar E. Bei einem Familienessen im Jahr 2002 handeln Uwe S. und Siegfried K. einen Tausch ihrer Anteile aus. Siegfried K. will mit in die Autohäuser einsteigen, Uwe S. soll am Betrieb der Tongruben beteiligt werden. Um die Geschäfte ins Laufen zu bringen, soll Uwe S. den Kontakt zum damaligen Landrat Finzelberg herstellen. Jeden Dienstag kochen Edgar E. und Uwe S. gemeinsam. Anteile am Bestechungsgeld zahlt Edgar E. nicht bar aus, sondern es folgen gemeinsame Anschaffungen wie Pferde und große Lkw, um die Tiere zu transportieren. Uwe S. darf lange nicht wie besprochen ins Unternehmen einsteigen, kassiert aber am Ende sieben Millionen Euro für seine Unterstützung.

Langes Vorstrafenregister

Zusätzlich übernimmt er den Abtransport in den Tongruben, schafft zwölf Lkw an und schließt einen Fünfjahresvertrag über eine monatliche Zahlung von 100 000 Euro ab. Als 2008 erstmals ans Licht kommt, was in den Gruben lagert und die Verfüllung vorerst gestoppt wird, machen die Betreiber doch noch Uwe S. zum Geschäftsführer. Heute ist er insolvent.

Dass Uwe S. dieses umfassende Geständnis wiederholt bei Zeugenvernehmungen ablegt, ist auch seinem langen Vorstrafenregister zu verdanken. Anstiftung zur Brandstiftung und Subventionsbetrug - Uwe S. ist 2009 bereits zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt. Als der dritte Prozess wegen Anstiftung zur Untreue beginnt, schlägt die Staatsanwaltschaft einen Deal vor. Uwe S. lässt sich ein, kommt vorzeitig auf Bewährung frei. Die insgesamt sieben Verteidiger der drei Angeklagten zweifeln die Glaubwürdigkeit des Zeugen aus genau diesen Gründen an. Heute bekommen neben Richter und Staatsanwaltschaft auch die Rechtsanwälte erstmals die Möglichkeit, den Kronzeugen zu befragen. Seite 1