Lübars/Altengrabow l „Ist dem Landesjagdverband bekannt, dass auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow Luchse leben?“ Diese Frage stellte der Jäger Thomas Bich während eines „Hubertusabends“ in Loburg. Dass der Truppenübungsplatz Wirkungsort und Kinderstube der Wölfe ist, ist kein Geheimnis. Wie aber steht es um den Luchs? Seit im Jahr 2008 eine solche Wildkatze aus dem Magdeburger Zoo ausgebüchst ist, gibt es Gerüchte, dass das Tier auf dem Bunderwehr-Übungsareal heimisch geworden ist. Doch wie wahrscheinlich ist dies? Meldete der Magdeburger Zoo doch im Jahr 2014, dass das Tier nach sechs Jahren zurück in den Zoo gekehrt sei: „Gewissheit, dass es sich um den entlaufenen Luchs des Magdeburger Zoos handelte, erhielten die Zoomitarbeiter durch das Ablesen des Microchips, welchen das Weibchen noch in ihrem Geburtszoo Dortmund bekommen hatte“, heißt es auf der Internetseite des Zoos.

Wie auch immer. „Seit dem Jahr 2011 gibt es Luchs-Sichtungen auf dem Platz“, sagt Klaus Puffer, Revierförster und Wolfsbeauftragter für den Truppenübungsplatz Altengrabow des Bundesforstbetriebes Nördliches Sachsen-Anhal. Er hält das Tier für einen Karpatenluchs, eine Unterart des Eurasischen Luchses.

Im September 2013 lief die Wildkatze erstmals in eine der Fotofallen auf dem Platz. Puffer ist sich sicher, dass es nur ein einzelnes Tier ist: „Es gibt – entgegen anderslautenden Aussagen von Jägern – keine Hinweise darauf, dass es mehrere sind.“

Bilder

Gesichtet: Zwei Luchse in Paarungsbereitschaf

Thomas Bich, Wolfsbeauftragter des Landkreises Jerichower Land und selbst Jäger und Revierinhaber, berichtet dagegen von seiner Begegnung mit zwei Luchsen: Offenbar ein Männchen und ein Weibchen, welche durch ihr Verhalten Paarungsbereitschaft vermuten ließen.

Und im Winter 2013/14 hatte Bich Spuren entdeckt, die von Jungtieren stammen könnten. Bich hält den Altengrabower Luchs für einen eurasischen Luchs: „Damit kann es der Luchs aus dem Magdeburger Zoo eigentlich nicht sein.“

Könnte es ein Luchs aus dem Harz sein? Dort waren in den Jahren 2000 bis 2006 24 Luchse im Naturpark ausgewildert worden. Nachdem im Harz nunmehr bis zu 90 Luchse vermutet werden, ist es reviertechnisch eng geworden. „Luchse, die jetzt im Harz geboren werden, müssen den Harz verlassen, weil die Territorien besetzt sind“, hatte der Leiter des Projektes zur Luchs-Wiederansiedlung im Harz, Ole Anders, erst kürzlich erklärt.

Den Luchs leibhaftig zu sehen, das gelingt eigentlich nur selten. Das Tier ist äußerst menschenscheu. Im Bereich des Truppenübungsplatzes Altengrabow gehört vornehmlich der „Braune Busch“ zum besiedelten Luchsgebiet, sagt Bich. Sein erster Sichtnachweis gelang ihm im November 2010. Die bisher letzte Sichtung gelang, gemeinsam mit einem Jagdfreund im September 2015.

Seine Beute vergräbt oder versteckt er. Bich hat Beutestücke gefunden, die typischen Rissspuren weisen auf die Arbeit der Wildkatze hin. Von 2011 bis heute habe er in seinem gepachteten Jagdrevier Drewitz insgesamt 17 gerissene Rehe gefunden, die nach Bichs Einschätzung eindeutig dem Luchs zuzuordnen sind. Der Waidmann verweist auf eindeutige Bisswunden am Hals, die Art des Anfressens und teilweise das Verblenden (Zuscharren) der Beutetiere.

Wenig Scheu

Bei der Wachstation, die zwischen Lübars und Dörnitz zum Truppenübungsplatz führt, kennen die Wachleute den Altengrabower Luchs ziemlich gut. Öfter schon strich die Katze vorbei, sonnte sich auf einer nahegelegenen Mauer. „Der holt sich hier sein Essen“, sagt ein Wachmann und verweist darauf, dass der Kaninchenbestand seitdem geschrumpft sei. Auf der Speisekarte des Luchses stehen üblicherweise Rehwild, Damwild, Mufflons und Gemsen. Die Beobachtungen des privaten Wachdienstes zeigen, dass der Luchs augenscheinlich nicht so menschenscheu ist wie gewohnt. Letzte Sichtungen datieren die Wachleute – wie auch Thomas Bich – auf den Herbst 2015.

Der Luchs – so selten man ihn offenbar sieht – hat es jedenfalls auch in die Bebauungspläne der Region geschafft: Bei dem Genehmigungsverfahren für eine großflächige Photovoltaikanlage zwischen Lübars und Dörnitz müssen die Zäune einen Abstand zum Boden aufweisen – damit der Luchs unten durch krabbeln kann.

Die eingangs von Thomas Bich gestellte Frage beantwortet der Präsident des sachsen-anhaltischen Landesjagdverbandes (LJV), Dr. Hans-Heinrich Jordan, so: „Zu Altengrabow habe ich keine Kenntnis zum Luchsvorkommen. Im Harz allerdings wird der Luchs inzwischen zu einem Problem. Inzwischen leben dort mehr Luchse als zu Beginn des Auswilderungsprojektes geplant.“ Dies habe auch Auswirkungen auf den Wildbestand.