Genthin/Burg l 6 Uhr morgens in Burg: Ein nasskalter Wind peitscht um die Ecke. In der Stadt kommt langsam Betriebsamkeit auf. Drinnen in den so genannten Pieschelschen Anstalten, wie das DRK-Seniorenzentrum auch umgangssprachlich genannt wird, macht sich Matthias Scholz für seine Frühschicht startklar. Genau genommen hat er noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Dienstbeginn. „Aber ich bin immer schon etwas früher da. Es ist mir wichtig, mit den Kollegen noch einmal ein paar Worte zu wechseln und in die Berichte zu schauen“, begründet der junge Mann. Schließlich könnte sich die gesundheitliche Situation für den einen oder anderen Bewohner in der Nacht verändert haben.

Diesmal allerdings nicht. Die Übergabe geht reibungslos vonstatten. Wenig später beginnt nach einem freundlichen Wecken die Arbeit mit den Heimbewohnern. Hilfe beim Toilettengang, Anziehen, Verbandswechsel, den Blutdruck kontrollieren, Medikamente reichen. Alles geht routiniert und mit einem Lächeln im Gesicht vonstatten. Jeder Handgriff sitzt.

Zwar ist die Zeit knapp bemessen, aber bis zum ersten Frühstück ist das Gröbste erledigt. Matthias Scholz scheint ebenso zufrieden wie die Heimbewohner in seinem Bereich. „Jetzt geht es an die Dokumentation“, sagt der junge Mann. Er wandelt sich von der Pflegefachkraft zur Bürofachkraft. „Tja, 70 Prozent der Arbeit sind Organisation und Dokumentation. Das können sich Außenstehende gar nicht vorstellen“, fügt er hinzu und schreibt die einzelnen Tätigkeiten auf, die bisher nötig waren. „Das gehört mit dazu, obwohl mir ein bisschen mehr Zeit für unsere Bewohner lieber wäre.“ Die Arbeit mit den Menschen ist für den 28-Jährigen besonders wichtig. Darum hat er sich entschieden, in die Altenpflege zu gehen und dafür einen eher ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. Als gelernter Fachinformatiker leistete er anschließend Zivildienst und schnupperte so in die Pflege rein. „Da habe ich gemerkt, dass diese Arbeit am besten zu mir passt. Ich hab’s keinen Tag bereut, noch einmal eine neue Ausbildung begonnen zu haben“, versichert der Genthiner, und jeder, der ihm zuhört und beobachtet, merkt schnell, dass hier auch ein Stück Leidenschaft für den Beruf mit dabei ist.

Medikamente richtig zu dosieren ist Pflicht

Mittlerweile ist der Schreibkram fürs Erste erledigt, jetzt müssen die Medikamente zurechtgestellt werden. Jeder Bewohner hat andere Krankheiten, benötigt andere Arzneien, andere Dosierungen, viele müssen als Diabetiker gespritzt werden. Fehler dürfen nicht passieren. Matthias Scholz greift zum Telefon. Bei einem Bewohner schlagen die neuen Medikamente offenbar nicht so an wie gewünscht. Den behandelnden Hausarzt zu erreichen, ist mitten in der Sprechstunde alles andere als einfach. Dann klappt es endlich. Mindestens zwei weitere Gespräche mit anderen Praxen hat er noch auf dem Plan, bevor er sich noch schnell den Heimbewohnern zuwendet und mit Marianne Lüderitz, die im Rollstuhl sitzt und die es zum Weihnachtsbaum zieht, eine kleine Runde dreht. Und nebenbei werden noch ein paar nette Worte gewechselt. Einige Sätze genügen und die Seniorin schaut irgendwie neugierig auf den geschmückten Tannenbaum. Vielleicht werden so Kindheits- oder Familienerinnerungen wach. „Wer weiß. Sie freut sich jedenfalls drüber und das ist schön so“, weiß Matthias Scholz, der jede Geste der Frau einordnen kann.

Für ihn und seine Kollegen vergeht die Zeit an diesem Vormittag wie im Fluge. Noch einmal Verbandswechsel und ein paar schriftliche Ergänzungen stehen auf dem Plan. Nichts darf vergessen werden.

Zwei Bewohner pro Pfleger

Auch Einrichtungsleiter Sebastian Rudolph sitzt über Aktenordnern und ist froh, auf solche Mitarbeiter wie den jungen Kollegen aus Genthin zählen zu können. Für 70 Plätze stehen in der Pieschelschen Anstalt 35 Beschäftigte zur Verfügung. Es sei sehr schwer, neue und gute Mitarbeiter zu bekommen. „Sie tragen auch eine große Verantwortung. Und an diesem allgemeinen personellen Mangel wird sich auch über Nacht nichts ändern“, meint er und verweist auf die Ankündigungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der sogar mehr als die im Koalitionsvertrag vereinbarten 8000 zusätzlichen Stellen schaffen will. „Es gibt in Deutschland aber 16 000 Altenpflegeeinrichtungen“, gibt Rudolph zu bedenken. Nur auf Ankündigungen aus den Reihen der Politik wolle sich das DRK ohnehin nicht verlassen, sagt Vorstand Frank-Michael Ruth. „Die Zeit rennt uns weg.“ Aus diesem Grund werden derzeit im Jerichower Land zehn junge Vietnamesen zum Altenpfleger ausgebildet und seien eine Bereicherung. „Wir sind eben bestrebt, neue Wege zu gehen“, so Ruth.

Das findet auch Matthias Scholz richtig, der den Feierabend im Blick hat. Er freut sich auf die Familie und steht am nächsten Morgen genauso gern wieder „auf der Matte“. „Ich habe für mich den besten Job gefunden“, sagt er. Die jeweils halbstündige Fahrerei zwischen den Städten sei da kein Hindernis.