Burg l Seit wenigen Tagen sind neue Regeln bezüglich der Corona-Pandemie in Kraft. Diese sehen unter anderem vor, dass sich Menschen nur noch mit einer weiteren Person außerhalb des eigenen Haushalts treffen dürfen oder dass ab einem Inzidenzwert von über 200 die Bewegung nur innerhalb von 15 Kilometern um den Wohnort erfolgen darf. Eine enorme Einschränkung für viele Menschen.

Ein Bereich, der allerdings bisher deutlich weniger reguliert wird, ist die Arbeit, obwohl dort viele Menschen den Großteil des Tages verbringen, dabei und auf den Arbeitswegen vielen Personen begegnen. Hier scheint es Nachholbedarf zu geben, gerade was das Thema Präsenzzeit, beziehungsweise Homeoffice angeht. Nicht alle Berufsgruppen sind dafür geeignet, aber rund 18 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Bürojob, und für diese würde die Arbeit von zu Hause zumindest theoretisch möglich sein.

Weniger Menschen zu Hause

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung führte im Dezember des vergangenen Jahres eine Umfrage zum Thema Homeoffice durch. Während im April 2020 noch 27 Prozent der Befragten die Option zur Arbeit nutzen konnten, waren es im Dezember nur noch 14 Prozent – obwohl die Infektionszahlen inzwischen im Vergleich zum Frühjahr um einiges höher sind.

Eine Studie der Universität Mannheim („My Home is My Castle – The Benefits of Working from Home During a Pandemic Crisis“) zeigte allerdings, dass gerade das Arbeiten von zu Hause für die Berufsgruppen, für die dieses Arbeiten in Frage kommt, eine effektive Möglichkeit ist, die Infektionszahlen zu reduzieren. Professor Harald Fadinger und seine Mitautoren gehen davon aus, dass nur ein Prozent mehr Arbeitnehmer im Homeoffice die Infektionszahlen um acht Prozent senken könnten. „Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass in den Unternehmen freiwillige und gute Regelungen gefunden werden, die Arbeit flexibel zu organisieren und die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen zu berücksichtigen“, erklärt Torsten Scheer, Pressesprecher der Industrie- und Handelskammer in Magdeburg.

Die Industrie- und Handelskammer habe aber keine Erhebungen zum Homeoffice im Jerichower Land und könne deswegen keine verlässlichen Zahlen veröffentlichen, bei wie vielen Unternehmen dies möglich ist.

Keine Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit

Das bestätigt auch Anja Gildemeister, Pressesprecherin der Handwerkskammer Magdeburg. Konkrete Zahlen zum Jerichower Land lägen hier nicht vor. Eigene Erhebungen gibt es auch nicht bei der Bundesagentur für Arbeit, wie Pressesprecher Georg Haberland der Volksstimme berichtet: „Statistische Daten zur Zahl der Personen im Homeoffice und in welchen Betrieben dies möglich ist, werden durch die Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit nicht erhoben.“ Er verweist allerdings auf eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die aufzeigt, dass die Anzahl der Personen, die Homeoffice nutzen können, zumindest im Frühjahr 2020 gestiegen war. Insgesamt war die Hälfte der Befragten im April und Mai 2020 zumindest zeitweise im Homeoffice tätig. 49 Prozent von ihnen arbeiteten ausschließlich und weitere 27 Prozent überwiegend zu Hause.

Viele Firmen sehen zu hohe Hürden

Wenn man die Ergebnisse der Mannheimer Studie betrachtet, kommt die Frage auf, warum nicht noch mehr Arbeitgeber Homeoffice ermöglichen, wenn dies doch ein so wirksames Mittel zur Pandemiebekämpfung zu sein scheint. Georg Haberland sieht hier viele unterschiedliche Gründe: „Aus den Gesprächen mit Unternehmen in der Region können wir entnehmen, dass die Möglichkeit von zu Hause zu arbeiten durch die Corona-Pandemie häufiger ermöglicht wurde als vorher. Ob und in welcher Form das Arbeiten von zu Hause aber möglich ist, richtet sicher immer zum einen nach der Art und den Anforderungen des Unternehmens, zum Beispiel ist die Produktion von Waren von zu Hause in der Regel nicht möglich, die Reparatur eines Fahrzeugs ist in der Werkstatt erforderlich, die Bearbeitung der Rechnung aber gegebenenfalls von zu Hause aus möglich.

Zum anderen ist es von der jeweiligen technischen Infrastruktur – zum Beispiel, ob ein PC und ein Internetanschluss beim Beschäftigen vorhanden ist – abhängig.“ Arbeitgeber hätten auch gegenüber der Handwerkskammer Magdeburg einige Gründe genannt, wie Anja Gildemeister berichtet. „Die Gründe sind vielschichtig: hohe Investition und hoher Aufwand, innerbetrieblicher Prozessablauf Datenschutz, schlechte Internetanbindung, zu hohe arbeitsrechtliche Anforderungen an den Homeoffice-Arbeitsplatz, Personaleinsatzplanung wird erschwert und droht zudem, die Belegschaft zu spalten, da nicht jeder Arbeitsplatz für mobile Arbeitsformen geeignet ist.“

Die Studie der Hans Böckler-Stiftung zeigt weitere Gründe auf, warum Menschen mit einem Bürojob dennoch während der Pandemie nicht ins Homeoffice wechseln können: 69 Prozent der Befragten gaben an, dass die Vorgesetzten Anwesenheit im Büro erwarten würden. Aber auch technische Gründe verhinderten Homeoffice. 59 Prozent der Befragten gaben an, dass mangelnde technische Ausstattung Arbeit im Homeoffice verhindern würden. Dabei kann sich Arbeit aus dem Homeoffice durchaus für Arbeitgeber und –nehmer lohnen.

Produktivität soll steigen

Der Digitalverband Bitkom veröffentlichte im Dezember eine Studie, die zeigte, dass die Produktivität bei Personen, die im Homeoffice arbeiten, deutlich gestiegen war. Positiv wurde auch der wegfallende Arbeitsweg gesehen und dass durch die Arbeit von Zuhause die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser möglich sei.

Georg Haberland gibt auch an, dass die Option im Homeoffice zu arbeiten deswegen für Arbeitssuchende im Jerichower Land durchaus relevant geworden sind: „Die Corona-Pandemie hat Spuren auf dem Arbeitsmarkt im Jerichower Land hinterlassen, auch wenn die Arbeitslosigkeit bis Ende Dezember wieder auf einem ähnlichen Niveau wie vor der Krise ist. Viele Unternehmen suchen aber dennoch weiterhin gut ausgebildete Fachkräfte. Warum diese sich für einen bestimmten Job entscheiden, hängt dabei oft nicht mehr nur von der Bezahlung ab. Auch flexible Arbeitszeiten, ein aktives Gesundheitsmanagement, Weiterbildungsangebote, Aufstiegsmöglichkeiten und auch mobiles Arbeiten sind für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zunehmend relevant.“