Burg l Wer vor 100 Jahren nach einer Anregung für ein Weihnachtsgeschenk suchte, der wurde zumeist im „Tageblatt für die Jerichowschen und benachbarten Kreise – Burgsche Zeitung“ fündig. „Damals gab es ja noch keine Fernsehwerbung oder die vielen anderen Möglichkeiten von heute“, sagte Beate Blumhagel, Leiterin des Stadt- und Kreisarchivs. Für die Volksstimme hat sie in den Archivbänden geblättert und ist in der Ausgabe vom 18. Dezember 1919 auf eine Reihe Annoncen gestoßen. So werden Weihnachtskerzen angeboten, „gute, nicht tropfende Ware“. Es wird eine Brenndauer von einer Stunde versprochen, zum Preis von 44 Pfennig pro Stück. Und eine frische Sendung Weihnachtsbäume ist in der Gartenstraße eingetroffen.

Frisierkämme und Schreibmappen als Geschenke

An der Ecke Schartauer und Gartenstraße hat wiederum Max Petrikowsky einiges im Angebot. Dazu gehören „echte Gummihosenträger mit Messingschnalle und Lederpatten“, aber auch „Damen- und Herren-Portemonnaies aus echt Saffian-, Rind-, Seehund- und Krokodilleder“ sowie Brieftaschen aus feinstem Leder, modernste Form, Geheimtasche mit vielen Fächern“. Wem das noch nicht reichte, der konnte sich vielleicht für Postkarten-Rahmen, Seitenkämme, Frisierkämme, Staubkämme, Briefpapiere, Schreibmappen oder auch Gesellschaftsspiele begeistern.

Und auch aus der weiteren Umgebung wurde um die werte Kundschaft gebuhlt. So veröffentlichte ein Magdeburger Herrenausstatter eine lange Liste, mit allem, was er für den Herrn, aber auch den Knaben im Angebot hatte. Da werden Smoking-Anzuge, Frack-Anzüge, Gehrock-Anzüge und Cutaway-Anzüge angepriesen. Für die Knaben liegen Falten- und Schulanzüge ebenso bereit wie Bozener Mäntel. Letztere bezeichnen ein Lodengewand aus Südtirol. Baby-Jäckchen sind auch erhältlich.

Bilder

Hilfe aus Kreismuseum Genthin

Für die Folge über Weihnachten vor 100 Jahren in der Reihe der Geschichten aus dem Archiv bekam Beate Blumhagel Unterstützung aus dem Kreismuseum in Genthin. „Wir haben ja hier nicht so viele Gegenstände“, erklärte sie. Und Antonia Beran hatte eine große Auswahl für den Gabentisch zusammengestellt.

Da gab es einen schwarzen Zylinder für den Herren, ein Paar Lederhandschuhe für die Dame. Nach Geschlechtern war damals in der Regel auch das Spielzeug aufgeteilt. So lag die Dampfmaschine bei einem Jungen unter dem Tannenbaum, der kleine Kochherd bei einem Mädchen, ebenso wie die Puppe. Neben Kopfschütteln für das damalige Rollenverständnis lösten manche Geschenke bei der Archivleiterin auch ganz andere Überlegungen aus. „Die Dampfmaschine und der Herd wurden beide mit offenem Feuer betreiben, so etwa könnte man sich heute doch gar nicht mehr vorstellen“, meinte sie.

Märchen ganz harmlos

Fast unverfänglich und ungefährlich erscheinen dabei noch die Märchenbücher, deren Illustrationen auch nach 100 Jahren noch so farbkräftig sind, als wären sie erst gestern gedruckt worden. Aber auch bei denen gibt es einen Bogen in die Gegenwart. Zufällig schlug Blumhagel das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf auf. Die Diskussionswogen um das Tier schlagen derzeit immer höher. „Ist das Denken über ihn durch die Märchen geprägt oder ist er tatsächlich eine Gefahr“, lautet dabei die zentrale Frage. „Aber es geht doch gar nicht um einen Wolf“, klärte Blumhagel auf. Der stehe für Männer, die junge Mädchen bedrängen. Gut, dass vor 100 Jahren Märchen noch Märchen waren.

Doch auch 1919 gab es wohl Menschen, die Weihnachten nicht nur zu Hause verbringen wollten. Ein großer Weihnachtsfestabend lockt ins Konzerthaus, „am 1. Weihnachtsfeiertage, abends von 5 Uhr an, bestehend in Konzert, Theater und Ball“.