Burg l „Wenn wir junge Frauen für Politik begeistern wollen, dann müssen wir sie da abholen, wo sie sind“, fordert Daniela Suchantke vom Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt. Und heute sind sie im Soziokulturellen Zentrum (SokuZ)Burg zur Eröffnung der „Mütter des Grundgesetzes“. Diana Fünning und Samantha Zimmermann wollten eigentlich zum Jugendclub im SokuZ. „Aber wir waren neugierig auf die Ausstellung und sind dann spontan zur Eröffnung gekommen“, erzählt Samantha Zimmermann. Zusammen mit SokuZ-Leiterin Silke Kirchhof bestaunen sie die 16 Tafeln. „Viele wissen auch nicht, dass Frauen erst seit 100 Jahren wählen dürfen“, betont Silke Kirchhof.

Vier Frauen hinter Artikel 3, Absatz 2

Das ist das zweite Jubiläum, das gefeiert wird. Die Eröffnung der Wanderausstellung markiert den Beginn der Aktionswoche des Tea-Treffs, mit der Leiterin Sandy Gärtner 100 Jahre Frauenwahlrecht feiern will. „Wir haben zwar eine Bundeskanzlerin, aber trotzdem sind wir noch lange nicht bei völliger Gleichberechtigung angekommen“, so die Theaterpädagogin.

Daran schließt sich auch die Eröffnungsrede von Daniela Suchantke an. „Was ist mit Frauen in der Lokalpolitik? In den Stadträten, den Ortschaftsräten? Je kleiner, desto geringer ist der Frauenanteil“, so die Leiterin der Geschäftsstelle des Landesfrauenrats. Auch mit Blick auf die anstehenden Kommunalwahlen im nächsten Jahr fragt sie: „Wie stellen die Parteien ihre Listen zusammen?“ Viele hätten ein ausgeglichenes Verhältnis von Männern und Frauen auf den Wahllisten schon in der Satzung verankert – aber längst nicht alle.

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Langer Kampf

Für Suchantke steht das im direkten Kontrast zum Gleichstellungsgrundsatz des Grundgesetzes. „Leider sind die fünf Worte – Frauen und Männer sind gleichberechtigt – mehr Ziel als Wirklichkeit.“

Das schmälert die Errungenschaft dieser Worte jedoch nicht. Und deshalb habe die kämpferische Haltung von Helene Weber (CDU), Elisabeth Selbert (SPD), Frieda Nadig (SPD) und Helene Wessel (Zentrumspartei) auch heute noch eine wichtige Vorbildfunktion. Sie waren es, die 1948/1949 als Mitglieder des Parlamentarischen Rats für die Verankerung des Gleichheitsgrundsatzes mobilisierten. Einig waren sie sich zunächst aber nicht. Elisabeth Selbert musste ihre Ratskolleginnen auch erst von der später verankerten Formulierung überzeugen. Nach zweimaliger Ablehnung von „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ mobilisierte die Politikerin massenhaft Frauen im Land. Zwischen Dezember 1948 und Januar 1949 gingen etliche Briefe und Stellungnahmen aus dem ganzen Land beim Rat ein – mit Erfolg: Am 18. Januar 1949 wurde der Gleichheitsgrundsatz einstimmig angenommen und ist seitdem fester Bestandteil des Grundgesetzes.

Thema bis heute aktuell

Dass es auch nach 70 Jahren noch an der Umsetzung hapert, weiß Stefanie Obieglo, ehemalige hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Burg. Als Leiterin der Brigitte-Reimann-Bibliothek setzt sie sich weiterhin für die Gleichberechtigung von Frauen ein. „Mich interessiert das Thema nach wie vor, deshalb bin ich heute auch hier. Wenn man einmal damit anfängt, dann lässt einen das nicht mehr los.“ Sie weiß aber auch um die Schwierigkeiten, die es dafür zu überwinden gilt – auch auf Seiten der Frauen: „Es ist unglaublich, wie sehr Frauen sich manchmal zurücknehmen, wenn die Männer auftrumpfen.“

Damit schon junge Frauen stark und selbstbewusst auftreten, findet zum Weltmädchentag am kommenden Donnerstag ein extra Workshop-Tag im Tea-Treff statt. Unter dem Motto „One Billion Rising“ wird dann getanzt, gelacht, gesungen – eine Generalprobe für den 14. Februar. „Dann tanzen und singen wir laut zum Lied ‚Break the chains‘, verrät Sandy Gärtner.

Laut waren auch die vier Politikerinnen, die schon vor 70 Jahren für Gleichberechtigung gekämpft haben. Das sollte man sich abgucken, findet die Pädagogin: „Dass man sich eben nicht unterkriegen lässt. Dass man ‚aber‘ sagt und nicht gleich aufgibt.“