Burg l „Dass ich jemals ein Buch schreiben würde, war nie von mir geplant. Es hat sich aufgrund meiner Lebenserfahrungen und Einsichten so ergeben“, so Carola Künne, die in zweiter Ehe verheiratet in Halberstadt lebt, zwei Söhne und sechs Enkelkinder hat. Es fing mit dem Tod ihres Vaters im Jahr 2012 an. „Mit meinen Geschwistern habe ich nach Dokumenten für die Beerdigung gesucht und dabei alte Geburts- und Sterbeurkunden seiner Vorfahren gefunden. Es waren Zeitzeugnisse aus Rumänien, der Heimat meines Vaters. Dort hatte er als Deutschstämmiger bis zur Umsiedlung seine Kindheit verbracht.“ Carola Künne war neugierig geworden und wollte unbedingt wissen, welche Schicksale sich hinter den Namen verbergen.

Anfangs nur für Familie gedacht

Die Ahnenforschung hat sie nicht mehr losgelassen, und die Halberstädterin tastete sich mit Hilfe ihrer Mutter und durch Recherchen bei den damals noch lebenden Verwandten vor. „Danach habe ich mir auch die Seite meiner Vorfahren mütterlicherseits angeschaut und alles aufgeschrieben. Aus diesen Anfängen wurde ein Buch, letztendlich meine Autobiografie, anfangs nur für meine Kinder und Enkelkinder gedacht“, so Künne.

Das Schreiben wurde für die jetzt 70-Jährige aber schnell ein Aufarbeitungsprozess des eigenen Lebens. „Es hat alles aufgewühlt, was ich Jahrzehnte lang unter der Decke gehalten hatte.“

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Erinnerung an viele Details

Ein Teil dieses Lebens: ihre Kindheit in der jungen DDR. Carola Künne: „Da ich von 1957 bis 1964 in Burg lebte, habe ich natürlich viele Details, an die ich mich erinnere, und die Menschen beschrieben, mit denen ich in Kontakt war.“

Die Familie mit vier Kindern kam 1957 aus Thüringen nach Burg, als der Vater, Offizier der Volksarmee, in die Kreisstadt versetzt wurde. Carola war das älteste Kind, das sich eine neue, kleine Welt eroberte: die Wohnung in der Fienerstraße, die Pestalozzi-Schule, das Pionierhaus, der Flickschupark...

Keine unbeschwerten Jahre

Doch das schwierige Verhältnis zur Mutter, permanenter Geldmangel in der Familie und der alkoholkranke, fast immer abwesende Vater machten es unmöglich, dass die Autorin beim Schreiben ihres Buches auf eine unbeschwerte Kindheit in Burg zurückblicken konnte. Dennoch gab es auch für Carola die guten, verheißungsvollen Stunden und Tage: mit ihren Freundinnen, bei Ernteeinsätzen, im Ferienlager, in der Kinderbücherei ...

Mit der heiß ersehnten Jugendweihe endeten Carolas Jahre in Burg, die Familie zog nach Halberstadt um, wo die Autorin dann ihre Jugendzeit verlebte und heute wieder wohnt.

Kontakt besteht bis heute

Aus ihrer Burger Zeit blieb für Carola Künne der bis heute bestehende Kontakt zu ihren Freundinnen Karola und Doris aus der Kindheit. „Meine Schulfreundin Bärbel verstarb mit Mitte 40. Vor einigen Jahren nahm ich an einem Klassentreffen teil und im vorigen Jahr besuchte ich Burg anlässlich der Landesgartenschau“, so Carola Künne im Gespräch mit der Volksstimme.

Eine mit Anekdoten und Allgemeinplätzen geschmückte Biografie will das Buch von Carola Künne nicht sein, vielmehr richtet die Autorin, wie der Klappentext es verspricht, ihren Blick immer auf „alte Verletzungen und Muster ihres Opferdaseins“.

Verwobene Schicksale

Den weiten Bogen zu ihren Vorfahren schlägt Carola Künne auch deshalb, um zu zeigen, „wie die vorausgegangenen Generationen Einfluss auf das Leben der Nachkommen nehmen und wie sehr deren Schicksale miteinander verwoben und verstrickt sind“. Und dass man diesen Teufelskreis durchbrechen kann.

Das Buch „In Vollendung“ hat 636 Seiten. Zu beziehen ist es über den Buchhandel und kostet 18,99 Euro.