Burg l Es sollte ein fröhlicher Schuljahresabschluss werden, doch der Ausflug zum Parchauer See wurde zu einer Tragödie. Ein 16-jähriger Schüler ertrank. „Mitschüler saßen während des Rettungseinsatzes weinend am Ufer. Viele wollten den Platz nicht verlassen, an dem sie den 16-Jährigen das letzte Mal gesehen hatten. Sie standen unter Schock und wurden vor Ort von einem Notfallseelsorger betreut“, schrieb die Volksstimme im Juni 2017. Dieser Notfallseelsorger war Thomas Menzel, und es fiel ihm auch gut drei Jahre nach dem Unglück nicht leicht, mit der Volksstimme darüber zu sprechen. Es sind Einsätze wie diese, die besonders verdeutlichen, vor welchen schweren Aufgaben die ehrenamtlichen Helfer stehen.

Das können die unterschiedlichsten Ursachen sein: der tödliche Unfall, ein Suizid, das Ableben eines Ehepartners nach langer Krankheit. Von einem Moment auf den anderen ist für die Hinterbliebenen nichts mehr wie es war. Psychosoziale Akuthilfe ist dafür der etwas unterkühlte Begriff. „Erste Hilfe für die Seele“, nennt es Superintendentin Ute Mertens. Der Kirchenkreis Elbe-Fläming ist Träger der Notfallseelsorge. „Es kommt darauf an, die ersten Stunden miteinander auszuhalten“, sagte Menzel, der seit sieben Jahren dabei ist, das Team leitet. Manchmal gehe es nur darum, zuzuhören, vielleicht zu erklären, was gerade drum herum passiert. Bei schweren Unfällen brauchen gleich mehrere Gruppen Zuwendung Hinterbliebene, Augenzeugen, auch Verursacher, „die haben manchmal ganz schön daran zu knabbern“, hat ihn die Erfahrung gelehrt.

Hilfe auch für Einsatzkräfte

Und auch manche Einsatzkräfte können mit dem, was sie erlebt haben, nicht richtig fertigwerden, wenn der Adrenalinspiegel erst einmal gesunken ist. „Da hat ein Kulturwandel stattgefunden“, meinte Menzel. Heutzutage sei es auch unter den Feuerwehrkameraden akzeptiert, wenn jemand Hilfe in Anspruch nehme, das böse Wort vom Weichei spiele keine Rolle mehr. Dass der Kirchenkreis Träger ist, hat keinerlei Auswirkung auf die Ausrichtung des Teams. So müsse jeder dieselbe Ausbildung absolvieren, wie andernorts, wo solche seelischen Helfer Kriseninterventionsteam oder auch Notfallbetreuung heißen. Und auf die Zusammensetzung hat die Trägerschaft auch keinen Einfluss. Es ist nicht Voraussetzung, Pfarrer oder auch nur gläubig zu sein, um mithelfen zu dürfen.

Im elfköpfigen Team des Jerichower Landes gibt es überhaupt nur einen Pfarrer. Andere sind Kirchenmusikerin oder Zahnärztin. Thomas Menzel ist Bauingenieur. Er stieß zum Notfallseelsorgeteam, nachdem er selbst, wie er es nennt, „einen gesundheitlichen Nackenschlag“ erhalten hatte. Auch da gab es jemandem, der ihm zuhörte, ihm weiterhalf. Und das wollte er nun in gewisser Art und Weise zurückgeben.

Elfköpfig, das ist deutlich zu wenig, um die Aufgaben, die gemeistert werden müssen, auf viele Schultern zu verteilen. Zumal sich zwei Aktive demnächst verabschieden werden und die Einsatzzahlen stetig steigen. Wurden die Notfallseelsorger vor ein paar Jahren noch gut zehnmal gerufen, so sind es mittlerweile bis zu 40 Einsätze jährlich.

Ausbildung an vier Wochenenden

Daher suchen Mertens und Menzel auch händeringend nach Verstärkung. Es sind nicht viele Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen. Das Mindestalter ist 25, das Höchstalter 70 Jahre, ein Führerschein muss vorhanden sein. „Es ist nicht immer so, dass man von der Polizei mitgenommen wird, wenn eine Todesnachricht überbracht wird“, erklärte Menzel. Und das Mindestalter, das ist ein wenig der Erwartung geschuldet, dass jemand mit etwas mehr Lebenserfahrung besser mit den Situationen umgehen kann, nicht selbst daran zerbricht und früher oder später als Helfer ausfällt.

Und das Team muss sich aufeinander verlassen können, allein schon wegen der monatlich mindestens fünf Bereitschaftseinsätze à acht Stunden. „Deshalb führen die Supervisorin und ich mit dem Bewerber zunächst ein Gespräch, um ihn einschätzen zu können“, erklärte Menzel. Danach folgt die Ausbildung in vier Wochenendblöcken. Dabei wird nicht nur das Fachwissen für die verschiedenen Einsätze vermittelt, sondern lernen die Teilnehmer auch einiges über sich selbst. Etwa, dass Zurückhaltung in der Regel geboten ist, statt eigene gut gemeinte Ratschläge zu erteilen. „Die helfen nämlich meistens nicht“, so Menzel. Abschließend werden noch Polizei, Rettungsleitstelle und der Rettungsdienst besucht.

Wanderung auf einem schmalen Grad

Es ist ein schmaler Grat, der da beschritten wird, denn das Mitgefühl für den besorgten oder trauernden Menschen muss natürlich auch noch da sein. Für sich hat Thomas Menzel eine Erkenntnis und damit Maxime gewonnen. Wenn er auch für das Opfer oder den Entschlafenen nichts mehr tun konnte, er hörte zu, tröstete vielleicht. Wenn er dann nach Hause kommt, schießt ihm zumeist ein Gedanke durch den Kopf: „Es war gut, dass ich da war“.

Wer im Notfallseelsorgeteam Jerichower Land mitwirken möchte, kann sich auf der Internetseite des Kirchenkreises unter www.kirchenkreis-elbe-flaeming informieren oder such direkt an Thomas Menzel per Mail an thomas.menzel.shw5@web.de oder telefonisch unter 0172/322 57 19.