Niegripp l In den kommenden 80 Jahren wird sich die Ortschaft Niegripp im Durchschnitt um 75 Zentimeter absenken. Als Folge des Bergbaus in 900 Metern Tiefe geschieht dies. Nach dem Abbau des Kalisalzes verhalten sich die verbliebenen Stützpfeiler unter der Last des Deckgebirges wie eine zähe Flüssigkeit. Die Pfeiler werden dabei breiter, das Deckgebirge sinkt nach.

In Niegripp, wo der Abbau aktuell unter Tage läuft und die Bürger dies vor allem an den unterirdischen Sprengungen mehrmals am Tag spüren, gibt es viele Fragen zu den Auswirkungen.

Bürgerversammlung mit K+S

Das Abbauunternehmen K+S gab den Niegrippern in einer Bürgerversammlung Antworten auf die Fragen. Neben möglichen Schäden an den Gebäuden, die durch die Erschütterungen bei den Sprengungen entstehen, und den Setzbewegungen im Boden beschäftigt auch die Absenkung des Geländes die Bürger. Vor allem diejenigen Hausbesitzer, die einen Keller unter ihrem Haus haben.

„Dass es Risse an den Häusern gibt, damit haben wir uns abgefunden. Das größte Problem in der Zukunft sehe ich im Grundwasser“, sagt Ulf Möbius. Er selbst habe ein Haus auf dem Deich mit Keller. Bislang habe es auch bei Hochwasser nie Probleme gegeben. Doch die Absenkung des Gebietes hat bereits begonnen. Beim jüngsten großen Hochwasser habe er schon Feuchtigkeit im Keller gehabt, erzählt er. In den kommenden Jahrzehnten wird sich nach den Prognosen des Bergbauunternehmens das Gelände noch weiter senken. Häuser, ob mit oder ohne Keller, nähern sich dabei weiter dem Grundwasser an.

Hat das Bergbauunternehmen hierfür Vorsorge getroffen? Eine Antwort gibt es bei der Einwohnerversammlung auf die Fragen nicht. Auf Nachfrage antwortet das Unternehmen: „Durch das behördlich vorgeschriebene und regelmäßig durchgeführte Oberflächennivellement sind die aktuellen Geländeoberflächen sowie deren Senkungsverläufe bekannt. Nach bisherigen Erkenntnissen führt dies zu keinen Auswirkungen. Zum Abgleich dieser Senkungsverläufe mit den Grundwasserpegelständen werden demnächst entsprechende Untersuchungen durchgeführt“.

Antwort bleibt offen

Antworten darauf, ob der hohe Grundwasserstand in der Burger Ortschaft für die Hausbesitzer zu einem Problem werden kann, gibt es aktuell noch nicht. Ob das Grundwasser in Zukunft in Niegripp vielleicht abgesenkt werden muss, um die Häuser zu schützen, lässt das Unternehmen offen.

Ein Thema für die Niegripper ist zudem die große Abraumhalde, die auch von Niegripp gut zu sehen ist. In den kommenden Jahren soll noch mehr Material an der Oberfläche abgelagert werden. Um an das Kalisalz zu gelangen, holen die Bergleute täglich viel Abraum aus dem Untergrund.

30.000 Tonnen Abraum pro Tag, sagt K+S Pressesprecher Thorsten Kowalowka, werden oberirdisch gelagert. Über längere Zeiträume entstehen so gigantische Berge. „Am Standort Zielitz werden zwei Rückstandshalden betrieben. Derzeit wird in der Regel hauptsächlich Rückstand auf die nördlich vom Werk gelegene Halde 2 transportiert. Die östlich vom Werk gelegene Halde 1 dient ausschließlich als Reservehalde, die in betrieblichen Ausnahmefällen in Anspruch genommen wird. Auf die Halde 1 wurden bisher 50 Mio. Tonnen Rückstand verbracht. Die Halde 2 umfasst aktuell rund 260 Mio. Tonnen“, teilt der Pressesprecher des Unternehmens mit.

80 Millionen Tonnen mehr

Um weitere 80 Millionen Tonnen soll die Halde 2 in den kommenden Jahrzehnten wachsen. Werde die Planung genehmigt, sei der Bergbau bis zur Mitte des Jahrhunderts gesichert, so das Unternehmen.

Doch selbst der Abraum ist salzig. Nur seien die Vorschriften so streng, dass mit dem Material nichts anzufangen sei, sagten die Werksvertreter bei einem der Besuche in Niegripp. Nicht einmal als Streusalz könne das Material Verwendung finden. „Auch K+S prüft regelmäßig, ob die festen Rückstände aus der Kaliproduktion zumindest teilweise zu Produkten verarbeitet werden können. Es ist aber festzustellen, dass sich bislang keine Lösungen ergeben haben, die technisch machbar und wirtschaftlich vertretbar wären“, sagt Thorsten Kowalowka. Wind und Wetter arbeiten sich das ganze Jahr an der hohen Salzhalde ab und tragen das Material in die Landschaft.

Ein Teil des Salzes gelangt dabei nicht nur auf die umliegenden Felder, sondern auch in die Elbe. Auf Dauer sollen die Halden abgedeckt werden. Nur gebe es hierzu noch keine verlässlichen technischen Lösungen, räumte Markscheider Frank Schnürer gegenüber den Bürgern in Niegripp ein.

Gescheiterter Versuch

Noch in der DDR, schilderte er, habe es Versuche gegeben, die Halde mit einer Betonschicht abzudecken. Aus heutiger Sicht werde der Versuch als gescheitert betrachtet, erklärte er weiter. Die damals eingesetzte technische Lösung habe nicht funktioniert. Es werde in Zukunft nach neuen Lösungen gesucht. „Es ist unlogisch, erst riesige Halden aufzuschütten, ohne zu wissen, wie damit in der Zukunft umgegangen werden soll“, sagte der Niegripper Bernd Mittelstädt.