Burg/Genthin l Pferde vegetieren in kniehohem Mist, Hunde haben lange Krallen, mit denen sie sich unmöglich fortbewegen können und weiße Gänse werden so unwürdig gehalten, dass sie inzwischen verdreckt und dunkelgrau geworden sind: All das hat Tierärztin Schott schon gesehen. Auch die oft uneinsichtigen Besitzer kennt sie.

Tierschicksale lassen auch die Veterinärin nicht kalt. Insbesondere dann, wenn den Haltern die Tragweite ihres Umgangs mit den Tieren nicht bewusst ist oder es sie schlichtweg nicht interessiert. „Da muss man einfach einen professionellen Abstand wahren“, sagt die studierte Tiermedizinerin.

Kontrollen und Beschlagnahmung

Zum Glück sind dies Ausnahmebeispiele. „Man hofft nach einer Kontrolle primär, dass Tierhalter die Umstände den Auflagen des Veterinäramtes entsprechend verbessern“, sagt Schott. Doch immer wieder trifft sie auf „Wiederholungstäter“. Unterstützung bei Kontrollen und Beschlagnahmung von Tieren kommt von Tierschützern und der Polizei. Denn nicht selten werden Tierhalter auch handgreiflich, weshalb die Veterinärin lieber unerkannt bleiben möchte.

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Es braucht viel Augenmaß und Menschenkenntnis, um sich ein Bild von möglichen Missständen zu machen. Man könne nicht prinzipiell vom Halter auf das Tier schließen. Selbst wenn der Besitzer im Chaos lebt, bedeutet dies für das Tier nicht zwangsläufig schlechte Lebensumstände oder gar Verwahrlosung.

Artgerechtes Leben

„Einige Tierhalter haben erst Einsicht, wenn es empfindlich viel Geld kostet oder, bei gravierenden Verstößen gegen das Tierschutzgesetz, eine Fortnahme der Tiere erfolgt“, erzählt Schott. In erster Linie sei das Ziel nicht, den Besitzern ihre Tiere zu nehmen, sondern jenen dort ein artgerechtes Leben zu ermöglichen.

Seit 2014 ist Schott beim Landkreis Jerichower Land als Veterinärin beschäftigt. Zunächst im Schlachthof Möckern tätig, wechselte sie 2017 in den Bereich Tierschutz. Neun Tierärzte beschäftigt der Landkreis Jerichower Land insgesamt. „Die amtlichen Tierärzte des Landkreises Jerichower Land kommen zum Beispiel in den Bereichen Futter- und Lebensmittel- sowie Tierseuchenüberwachung, Tierschutz, der Überwachung tierischer Nebenprodukte, Tierarzneimittelkontrollen, Fleisch- und Geflügelfleischhygiene sowie Cross Compliance-Kontrollen im gesamten Kreisgebiet zum Einsatz“, erläutert Claudia Hopf-Koßmann, Pressesprecherin des Landkreises Jerichower Land. Als Cross Compliance werden Kontrollen der Veterinäre benannt, die auch Verpflichtungen der Halter gegenüber Fördermittelgebern oder Prämienzahlungen hinsichtlich bestimmter Auflagen überprüfen. Zum Beispiel bei der Einhaltung von Umweltstandards oder wenn jemand die Erhaltung seltener Haustierassen fördert.

Allein drei Veterinäre sind auf dem Geflügelschlachthof in Möckern stationiert. Das Einsatzgebiet der übrigen sechs ist der gesamte Landkreis.

Verstößen nachgehen

Zum Arbeitsalltag gehören für Schott neben dem Nachgehen von Hinweisen auf mögliche Verstöße gegen das Tierschutzgesetz auch Routinekontrollen in Großbetrieben oder Einrichtungen des Tierschutzes, wie im Schartauer Tierheim. Auf 48.000 Quadratmetern finden dort hilfedürftige Tiere vom Nager bis zum Schaf eine Heimat auf Zeit. Und auch die Tiere, die Veterinärin Schott aus tierunwürdigen Verhältnissen befreit, werden hier einquartiert.

Erst im vergangenen Jahr wurde die Vereinbarung zwischen dem Landkreis und dem Heim des Tierschutzvereins Burg und Umgebung im Burger Ortsteil neu aufgesetzt. Dafür fand eine ausführliche Begehung durch die Behörde statt. Räumliche Kapazitäten und Futterküchen wurden inspiziert oder Details wie Größe der Sichtfenster für Tageslicht in den einzelnen Parzellen überprüft. Der Rundgang findet aufgrund des Schutzes vor Seuchen und zum Eigenschutz für Mensch und Tier in den Quarantänebereichen in grüner Wegwerfmontur statt.

Keine rechtliche Grundlage

Astrid Finger ist seit 1991 Mitglied des Tierschutzvereins und seit 1993 Leiterin in Schartau. Sie findet die fachliche Kontrolle wichtig und unerlässlich. „So bekommen wir immer wieder Hinweise, wie wir den Tierschutz noch besser gestalten können oder welche kleineren Mängel wir eventuell übersehen haben.“ Mit besorgten Bürger haben es auch die Mitarbeiter hier häufig zu tun. So wird ihnen nicht selten vorgeworfen, bei Tierleid nicht in Aktion zu treten. „Wir haben als Tierschützer rechtlich keine Grundlage, bei Hinweisen einzugreifen.“ Auch hier führe der Weg übers Veterinäramt, erläutert Finger und hofft auf mehr Verständnis.

Der Tierschutzverein agiert nicht nur hierzulande, sondern setzt sich auch im Auslandstierschutz ein. Mithilfe des Registrierungssystems „Traces“ wird die Aufnahme von Tieren der Partnerheime aus Kroatien und Rumänien legal gemanagt. Rund 100 Tiere, vornehmlich Hunde, werden so je nach aktuellen Kapazitäten, jährlich aufgenommen.

Beim Rundgang im Burger Tierheim hat Veterinärin Schott auch diesmal kaum etwas zu bemängeln. Sie tauscht sich eher über einst verwahrloste Neuankömmlinge mit Astrid Finger aus. Zum Beispiel über eine Stute, an der jeder Rückenwirbel sichtbar war, weil sie stark abgemagert aus einer schlechten Haltung befreit worden war. Inzwischen sieht sie erholt aus und holt am Heuspender alles nach, was sie bei ihren alten Besitzern entbehren musste.

Verständnis fehlt oft

Zu den rund 130 Tieren, die derzeit in Grüppchen oder Quarantäne im Burger Tierheim leben, können auf kurzem Wege immer noch Notfälle dazukommen. Die Tiere können dann zum Beispiel auch von einer Beschlagnahmung aus einem Kleintransporter von der Autobahn 2 stammen.

Oft haben die Anrufer wenig Verständnis, dass sich nicht gleich jemand der Sache annimmt.“

„Für uns ist es besonders schwer, beschlagnahmte Tiere, die wir liebevoll aufgepäppelt haben, wieder zu ihren Besitzern zurückgeben zu müssen“, sagt Finger. Doch sobald diese die Missstände der Haltung beseitigt haben, haben sie ein Recht darauf, fügt Schott hinzu, die die Entscheidung für eine Rückführung trifft.

Die Hinweise auf mögliche artuntypische Tierhaltung kommen zumeist aus der Bevölkerung. Die Aufgabe besteht dann darin, anhand eines gezielten Fragens am Telefon die Dringlichkeit einer fachlichen Kontrolle einzuschätzen. „Oft haben die besorgten Anrufer wenig Verständnis, dass sich nicht umgehend jemand der Sache annehmen kann“, sagt Schott. Dass der Aufgabenbereich eines Veterinärs jedoch mehr umfasst, als Tiere aus möglicher schlechter Haltung zu befreien, stößt bei ihnen auf Unverständnis. Allein die Bürokratie stapelt sich bei Schott auf dem Schreibtisch und dann kommen kurzfristrige Notfälle hinzu, die dringend geprüft werden müssen.

Aktuell sind die Veterinäre auch damit beschäftigt, Krisenpläne zu erstellen. Anlass sind die näher kommende Afrikanische Schweinepest und die Geflügelpest, erläutert Landkreissprecherin Hopf-Koßmann. Außerdem sollen Kontrollen der Biosicherheit in Tierhaltungen und Schlachtbetrieben durchgeführt werden. Ein Augenmerk liegt auch auf der Tierschutzüberwachung, dies beinhaltet Aspekte wie Haltung, Transport und Schlachtung sowie auf der Arzneimittelüberwachung, der so genannten Antibiotikaminimierung.

Im Schartauer Tierheim wurde dabei zum Beispiel im Bereich der Nutztiere ein Schutzstreifen zwischen Schweinen und Schafen bzw. Ziegen errichtet, dafür hat ein neuer Zaun Einzug in den Freihaltungsbereich Einzug gehalten.