Burg l Eigentlich wollte Simona Schober nur mit ihrem Hund Gassi gehen. Doch am Dienstagabend musste sie mit ansehen, wie ihr kleiner Chihuahua sich im Maul eines unangeleinten Hundes befand. Der Kopf des tierischen Angreifers sei so groß gewesen, wie ihr kleiner Vierbeiner selbst, erinnert sie sich im Gespräch mit der Volksstimme.

Die 64-jährige Burgerin wirkt auch Tage nach dem Vorfall noch sehr aufgewühlt. Sie habe sich gemeldet, weil aus den Zeilen der veröffentlichten Meldung in der Zeitung nicht hervorgehe, was der Vorfall für sie und ihren Quintus bedeutet. Sie habe noch immer die Bilder im Kopf, träume nachts davon.

Simona Schober war an diesem Tag mit ihrem Hund zur falschen Zeit am falschen Ort. Weil es tagsüber einfach zu warm für den Vierbeiner ist, war sie erst am frühen Abend mit ihm in der Mauerstraße unterwegs.

Keine Angst

Dort ereignete sich der Vorfall: Ein unangeleinter Hund - die Polizei spricht von einem Pitbull - stürmte aus einer geöffneten Haustür heraus auf den kleinen Chihuahua zu. Ihr fast elf Jahre altes Tier ist eigentlich verträglicher Vierbeiner, Angst vor anderen, größeren Hunden, habe er nicht, sagt Simona Schober. So verhielt er sich auch dieses Mal ruhig, habe nicht gebellt oder geknurrt, schildert sie. Und weit genug weg seien Frauchen und der kleine Hund eigentlich auch gewesen. Wenn sich die beiden Hunde sonst begegnen, würde der Chihuahua ihn einfach ignorieren.

Nun stand die 64-jährige Besitzerin wie angewurzelt daneben, als der Pitbull ihren kleinen Chihuahua angriff. Sie ist schwerbehindert, das Laufen bereitet ihr große Probleme, sie ist mit dem Rollator unterwegs. Den Hund aus eigener Kraft hochzunehmen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, ist für sie unmöglich. Statt ihrem kleinen Schatz zu helfen, kann sie nur mit ansehen, wie der Angreifer den kleinen Hund ins Maul nimmt. Nur die Schnauze ihres Chihuahuas habe noch herausgeguckt, erzählt sie. Chihuahuas gelten als die kleinste Hunderasse der Welt.

Dass sein Hund gerade vor dem Haus einen anderen Hund angreift, entgeht auch dem mutmaßlichen Besitzer des Tieres nicht. Wie Simona Schober schildert, habe der seinen Hund angebrüllt "wie verrückt". Das habe die ganze Sache aber nur noch schlimmer gemacht, meint sie. Auch der Versuch, den Angreifer am Nacken zu packen, um ihn von ihrem kleinen Chihuahua loszureißen, misslang wohl.

In der Situation gibt sich die 64-Jährige einen Ruck: Nach einem gezielten Nackenschlag lässt das Tier locker. Der kleine Chihuahua rutscht durch die Leine aus dem Maul heraus - und rennt erstmal weg. Simona Schober ist völlig aufgelöst und aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes auch nicht in der Lage hinterherzulaufen.

Versorgung beim Bereitschaftsdienst

Umstehende Zeugen und Passanten können den Kleinen aber glücklicherweise wieder einfangen. Für die Hilfe zeigt sich Simona Schober im Gespräch sehr dankbar. Doch die Odyssee am Dienstagabend sollte damit noch kein Ende finden. Denn der Hund hat ihren kleinen Quintus verletzt - nicht, wie erst angenommen an der Schnauze, sondern mit einem Biss am Bauch.

Bis nach Gommern muss die schwerbehinderte 64-Jährige anschließend mit ihrem Tier fahren. Dort kümmert sich die Tierärztin vom Bereitschaftsdienst um den Verletzten. Erst um halb 12 am Abend ist die Burgerin mit ihrem Hund, der mit Schmerzmitteln über den Tropf versorgt wurde, wieder zu Hause. Das schnelle Herzklopfen des kleines Tieres werde sie nicht mehr vergessen, erzählt Simona Schober hörbar den Tränen nahe. Ihrem Hund gehe es den Umständen entsprechend. Das Geschirr passt ihm derzeit nicht, der Körper ist zu geschwollen. Sie wisse gar nicht genau, wie sie das verängstigte Tier derzeit anfassen soll.

Auch Tage später wollen die Bilder des Vorfalls ihr nicht aus dem Kopf gehen. Simona Schober habe den anderen Hund schon öfter unangeleint in der Stadt gesehen und den Besitzer auch darauf angesprochen. Jetzt hat sie Anzeige gegen ihn erstattet. Sie würde sich nicht davor scheuen, auch gerichtlich vorzugehen. Ertsmal hofft sie, dass sie nicht auf den hohen Kosten für die Behandlung ihres Vierbeiners sitzen bleibt.

Doch noch sind viele Fragen offen. Auf Nachfrage bei der Stadt ist zu erfahren, dass der Fall schon bekannt ist. Er würde nun im weiteren Verlauf von der Polizei an die Stadt weitergeleitet. Dann werde der Halter zunächst angehört und entschieden, ob und wie weitere Nachweise zu erbringen sind.

Während das städtische Ordnungsamt also das weitere Vorgehen prüft, kümmert sich die Polizei indes um die strafrechtliche Seite, ist also für die Anzeige zuständig. Vorfälle speziell mit diesem Hund seien der Polizei nicht bekannt, erklärt ein Polizeisprecher auf Nachfrage.

Trotz allem Unverständnis für den Vorfall, der sich Simona Schobers Ansicht nach durch eine Anleinung des Hundes oder eine enstprechend gehorsame Erziehung erübrigt hätte, will die erfahrene Hundehalterin nicht allein das Tier dafür verantwortlich machen.

Insbesondere die Aussage, dass es sich beim Angreifer um einen Pitbull handelt, sorgte auf der Volksstimme-Facebook-Seite Jerichower Land für Diskussionen. Die Debatte um diese Hunderassen, denen eine ausgehende Gefahr nachgesagt wird, wird damit wieder angeheizt. "Wenn ich das lese könnte ich ausrasten. Der böse Pitbull. [...] Wenn ein Hund einen anderen Hund beißt, dann muss man dazu sagen das es ein böser Pitbull war. Da vergeht mir alles", schreibt eine Userin in den Kommentaren unter dem Beitrag. "Oh man ich kann es nicht mehr hören", heißt es von einer anderen Nutzerin. Andere Facebook-User sprechen von einer versäumten Maulkorb- und Leinenpflicht.

Alles im Hundegesetz geregelt

Die generelle Handhabung mit Hunden, die eine gesteigerte Angriffslust zeigen und wiederholt Menschen oder anderen Tieren gefährlich werden, regelt jedes Bundesland separat im Hundegesetz. Darin wird in Sachsen-Anhalt zwischen Hunden unterschieden, deren Gefährlichkeit aufgrund der Rasse vermutet wird und im Einzelfall, egal welcher Rasse, aufgrund ihres Verhaltens. Ein Pitbull oder eine Kreuzung aus einem Pitbull-Terrier, American Staffordshire-Terrier, Staffordshire-Bullterrier oder Bullterrier ist er quasi schon von Anfang an auf der "Liste".

Hunde, die so eingestuft werden, dürfen grundsätzlich nur mit einer Erlaubnis gehalten werden, schreibt das Landesverwaltungsamt. Dafür muss der Halter bestimmte Kenntnisse in theoretischer und praktischer Prüfung nachweisen. Und auch der Hund muss innerhab von sechs Monaten nach Beginn der Haltung einen Wesenstest durchlaufen. Damit wird eingeschätzt, ob und wie gefährlich der Hund ist. Dieser Test kann übrigens nach einer Situation, in der der Hund zugebissen hat, neu angeordnet werden. Eine Leinen- und Maulkorbpflicht ist für diese Tiere ist in Sachsen-Anhalt seit 2016 nicht mehr vorgeschrieben, könne aber im Einzelfall wieder verordnet werden, heißt es auf der Internetseite des Amtes.

In dieser Neuregelung von 2016 wurden außerdem festgelegt, wie nach einem Hundebiss mit den Tieren verfahren wird. Nach einem Biss werde dann die Gefährlichkeit des Tieres überprüft, wenn der Hund eine "nicht geringfügige" Verletzung verursacht hat, ohne selbst angegriffen worden zu sein, oder den anderen Hund angegriffen und verletzt hat, obwohl dieser sich unterworfen hat.

Der städtischen Statistik nach sind in Burg 2020 1993 Hunde angemeldet. Neun davon werden als gefährliche Hunde eingestuft. 2019 waren es noch 6, noch ein Jahr zuvor 5.

Simona Schober hat Unverständnis gegenüber Haltern, die mit ihrem Hund nicht umgehen könnten. "Das hätte auch noch schlimmer ausgehen können", ist sie sich sicher. Eine Entschuldigung vom Besitzer des Hundes habe sie noch nicht erreicht. Er habe sich auch nicht erkundigt, wie es ihrem Hund geht.