Burg l Schon als junges Mädchen schrieb Renate Meißner Gedichte. „Ich hatte auch einen guten Deutschlehrer, der das gefördert hat“, erinnert sie sich. Dann kam die Begeisterung für das Malen hinzu, und inzwischen hat die Künstlerin über 500 Bilder gemalt und 400 Gedichte geschrieben. Viele von ihnen sind auch online zu sehen und zu lesen.

Ein Thema, das derzeit vorherrschend ist, ist die Corona-Pandemie. „Das beschäftigt uns alle. Und die seelischen Folgen davon können wir noch gar nicht abschätzen“, berichtet sie. Mit der Psyche kennt sie sich aus, denn sie arbeitet als Psychotherapeutin in Burg und hört viele Berichte über das, was die Menschen bewegt. „Natürlich ist der Schutz des Lebens enorm wichtig, aber dies hat eben auch einen Preis“, gibt sie zu bedenken. Die Atmosphäre zwischen den Menschen würde sie derzeit als bedrückend einschätzen, und das spiegelt sich auch in ihrer Kunst wider, beispielsweise in dem Gedicht „Masken“ und dem gleichnamigen Bild. Soziale Distanz und zwischenmenschliche Kälte werden thematisieren. „Das sind Themen, die die Menschen gerade bewegen. Ich kann ja online sehen, wie oft das Bild aufgerufen wurde, und inzwischen ist das schon über 3000 Mal passiert.“ Die Bilder sind unter anderem auf ihrer Website www.drmeissner.net zu sehen. Selbst wenn die Pandemie irgendwann abebbt, geht sie davon aus, dass Corona den Bereich der Kunst noch lange prägen wird. „Wir sind ja gerade erst am Anfang, das zu verarbeiten. Ein solches Ereignis wird Spuren hinterlassen. Wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, was passieren würde, hätte ich das nicht für möglich gehalten.“ Kunst, Musik oder Gesang seien Möglichkeiten, das Erlebte zu verarbeiten: „Durch Kunst können wir reflektieren. Und der Betrachter oder Leser geht an das Kunstwerk ja auch mit seinen eigenen Gedanken und Emotionen heran.“

Digitale Entwicklung macht auch Sorge

Während der Pandemie sind digitale Medien stark in den Fokus gerückt. Eine Entwicklung, die Renate Meißner sowohl mit Interesse, als auch mit Sorge betrachtet. Die Gedanken dazu hat sie in dem Gedicht „Chatroom“ festgehalten. „Die Nutzung des Internets ist etwas, das anregend, aber auch beunruhigend sein kann. Derzeit sind digitale Kommunikationsmöglichkeiten sehr positiv besetzt, weil sie in der Situation auch Entlastung bringen, aber wir dürfen eben auch nicht vergessen, dass ein Rückzug in digitale Medien auch Risiken birgt.“ Digitale Kommunikation könnte ein persönliches Gespräch von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen. „Insgesamt ist das Internet ja eine Scheinwelt. Und es werden bei Gesprächen durch dieses Medium auch nur die Augen angesprochen, die anderen Sinne bleiben außen vor.“

Auch wenn derzeit eher düstere Themen wie eine Pandemie für Inspiration sorgen, sind diese bei weitem nicht die einzige Quelle für die Kreativität der Künstlerin. „Meine größte Inspiration ist vielleicht das Leben selbst in seiner Vielfältigkeit. Und auch die menschliche Psyche ist so komplex, dass sie immer neue Ideen für Kunstwerke hervorbringt.“ Unter Künstlern heißt es oft, dass das Malen als Weg auf der Suche nach sich selbst verstanden werden kann. „Aber ich finde, Malen kann sogar noch mehr sein und helfen, den Menschen in seiner Komplexität und Tiefe zu verstehen.“ Eine weitere Inspirationsquelle sei für sie die Natur, die sich ebenfalls oft in ihren Bildern in leuchtenden Farben wiederfinden lässt.

Neben der Online-Präsenz wurden die Bilder der Burger Künstlerin auch in Ausstellungen gezeigt. „Die erste war 2010 im Maritim Hotel in Magdeburg. Dort wurde auch ein Titel für die Ausstellung gesucht, und letztendlich fiel die Wahl auf Seelenmalerei, was wohl ganz gut beschreibt, was ich tue.“ Der Ausstellungsname wurde auch – leicht verändert – Titel ihres Buches „Seelenmalerei verdichtet“. Derzeit arbeitet sie an einem neuen Buch, das den Titel „Chatroom der Seele“ tragen und auch die Risiken durch digitale Medien aufgreifen soll.

Acrylfarbe und Blattgold

Für ihre Bilder verwendet sie Leinwände, Acrylfarbe und manchmal Blattgold. „Es macht schon Spaß zu sehen, wie eine Leinwand anfangs weiß und leer ist – und dann entsteht etwas.“ Bei der Entstehung ihrer Werke lässt sie sich von ihren Emotionen leiten. „Wenn ich anfange zu malen, gehe ich nicht mit einem festen Plan an ein Bild heran, sondern lasse mich von diesen unbewussten Impulsen beeinflussen.“ Deswegen nimmt sie auch nur selten Auftragsarbeiten an, da diese in der Umsetzung vorgegebenen Erwartungen entsprechen müssten. „Manchmal habe ich regelrecht rasante Mal-Phasen, bei denen ich dann auch für Stunden nicht zu sprechen bin und wo sogar Essen und Trinken in den Hintergrund rückt. Dann wiederum gibt es Zeiten, in denen ich zwei oder drei Monate gar nicht male.“ Die Erfahrung anderer Künstler, die Malen als etwas Meditatives sehen, teilt sie eher nicht. „Ich bin nach dem Malen oft erschöpft, es ist anstrengend, da mich das Erschaffen der Kunst eher aufwühlt.“

Während die Bilder durch die Emotionen der Künstlerin entstehen, lösen sie eben diese auch bei Betrachtern aus. Sie erinnert sich an eine Reaktion, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben ist: „Ich hatte eine Redakteurin zu Gast, die ein Bild mit dem Titel Outing betrachtete – eine Person mit einem männlichen Gesicht und einem weiblichen Körper. Die erinnerte sie an das Schicksal eines Verwandten, das sie tief bewegte. Da brauchte ich nicht erklären, was Kunst mit uns machen kann.“