Enttäuschung und Entsetzen nach verkündetem Aus für die Bahnlinie

"Das war\'s dann wohl!": Im Winter ist Schluss

Von Stephen Zechendorf

Mit Verblüffung, Bestürzung oder einfach Sprachlosigkeit haben Fahrgäste und Kommunalpolitiker entlang der Bahnlinie Magdeburg - Loburg auf das bevorstehende Aus der Zugverbindung reagiert. Zum 11. Dezember will die landeseigene Nahverkehrsgesellschaft NASA bei der Deutschen Bahn keine Züge mehr bestellen.

Möckern/Loburg. "Das war\'s dann wohl", tickerte etwa ein zunächst sprachloser Hermann-Holger Kerl per E-Mail an seine Loburger Parteifreunde der BCU, kurz nachdem er am Montagabend von der Mitteilung der NASA hörte: "Eine Verlängerung der Reisezeit um weitere fünf Minuten ist nun also Begründung dafür, dass eine ganze Bahnverbindung vorzeitig eingestellt wird beziehungsweise als Ersatzverkehr fortgeführt wird, was im Ergebnis auf das Gleiche hinausläuft." Wie viele, hatte sich auch der Loburger Kommunalpolitiker Anfang des Jahres an die NASA gewandt und sich für die Beibehaltung des noch geltenden Fahrplanes ausgesprochen.

Umsonst, wie es scheint: Laut Aussage der NASA war dessen Umsetzung bislang geplant, "jedoch ist in den letzten Wochen ein neuer Sachstand eingetreten", lässt NASA-Sprecherin Karin Jobke wissen. Der neue Sachstand ist freilich so neu nicht: Die Gleise sind teils nicht mehr im besten Zustand, das ist seit Jahren bekannt.

Auf NASA-Deutsch klingt das so: "Für die langfristige Bedienung der Strecke Magdeburg - Loburg besteht bereits seit geraumer Zeit im ÖPNV-Plan (Öffentlicher Personennahverkehr) des Landes ein Prüfbedarf zur Zukunft der Bahnbedienung", erinnert Karin Jobke: "Aufgabe war, die Bahn-Bus-Abstimmung insbesondere in Möckern zu verbessern und die Attraktivität des ÖPNV insgesamt zu erhöhen. Für die geforderte Abstimmung von Bahn und Bus mit dem Landkreis Jerichower Land wurde eine Lösung entwickelt."

Allerdings, so die NASA-Frau weiter, basierte diese Lösung auf der Annahme, dass der Eigentümer der Schieneninfrastruktur - also die DB Netz AG - diese in einer gewissen Qualität vorhält. Das ist bekanntlich längst nicht der Fall. Längere Fahrzeiten und ein mehrfach in die Kritik geratener Schienenersatzverkehr seit Dezember 2010 sind die Folge.

NASA: "Bahn ist zu Qualität verpflichtet"

Die NASA schiebt den Schwarzen Peter der Bahn zu: "Die Deutsche Bahn AG beruft sich in Pressemeldungen zu Unrecht auf angeblich notwendige Bestellgarantien des Landes", so Karin Jobke. Allerdings sei die Bahn als Betreiberin der Infrastruktur "rechtlich verpflichtet, die Anlagen auf eigene Kosten in einem ordnungsgemäßen Zustand zu erhalten. Der Gesetzgeber setzt voraus, dass bei defizitären Strecken Überschüsse aus dem Betrieb anderer Strecken eingesetzt werden. Wie das deutlich positive Jahresergebnis der DB Netz AG zeigt, sind derartige Mittel auch vorhanden".

Auch bisherige Bahnfahrer aus der Region haben kein Verständnis, warum anderenorts immer weiter in ohnehin bestandsfähige Hochgeschwindigkeitsstrecken investiert wird, während die Menschen in strukturschwachen Regionen immer mehr benachteiligt und von den Zentren abgeschnitten werden. "Mit Strukturausgleich und gleichen Chancen für alle Bürger unabhängig von ihrem Wohnort hat dies nun gar nichts mehr zu tun", ärgert sich etwa die Loburgerin Susanne Zech-Struz in einem Schreiben an die Redaktion.

Zwölf Millionen Euro Investition nötig

Volksstimme-Leserin Cornelia Schwerdfeger aus Loburg sieht dagegen durchaus eine Teilschuld der Misere bei der NASA: "Sie zeigte sich unentschlossen, der Deutschen Bahn eine Zusage zur Vertragsbindung von zehn Jahren zu geben. Da ist es verständlich, wenn die Bahn so keine Investitionen in die Strecke einplanen kann."

Für Sanierung und Ausbau des Streckenabschnittes Biederitz - Loburg müssten laut Angaben der NASA mindestens zwölf Millionen Euro investiert werden. "Die Investitionskosten für die notwendige Sanierung und den weiteren Ausbau der Strecke sind aber im Verhältnis zur erreichbaren Nachfrage von weiterhin unter 500 Reisenden pro Tag so hoch, dass sich keine langfristige Perspektive für die Bahnbedienung entwickeln lässt." Mit der nun vorgenommenen Verkehrsträgerumstellung von Bahn auf Bus wolle das Land die Fehlinvestition von Steuermitteln vermeiden helfen.

Nachdem die DB Netz AG für den Dezember 2011 wiederum eine Verlängerung der Reisezeit um weitere fünf Minuten auf dann 18 Minuten seit Dezember 2010 angekündigt hat, hat sich das Land dafür entschieden, den Bahnverkehr zu beenden und die Bedienung auf Bus umzustellen. Mit der nochmaligen Verlängerung würde die Fahrzeit der Bahn zu unattraktiv. Ob dazu repräsentative Umfragen bei den Bahnkunden gemacht worden sind, dürften Bahnkunden in der Region indes bezweifeln. Schon bei den von der NASA im Vorfeld durchgeführten Zählungen der mitfahrenden Personen ist etwa Cornelia Schwerdfeger aus Loburg skeptisch: "Die NASA hat es versäumt, ihre Zählungen an Werktagen, die nicht im Ferienzeitraum liegen, durchzuführen", vermutet sie.

Im Hause der Nahverkehrsgesellschaft für Sachsen-Anhalt bastelt man derweil nach einem Transportkonzept nach der Bahn: Man wolle in diesen Tagen mit dem Landkreis Jerichower Land und der Nahverkehrsgesellschaft Jerichower Land (NJL) über die Gestaltung eines angemessenen Ersatzangebotes beraten, heißt es. "Aufgrund der unterschiedlichen Streckenführung von Eisenbahn und Straße wird ein 1:1-Ersatz des Fahrplanes sicherlich nicht möglich sein. Es besteht aber das Ziel, auch mit dem Bus ein angemessenes und attraktives Fahrplanangebot zu entwickeln". Ob dann die Bahnhöfe in Büden, Zeddenick und Ziepel angesteuert werden, ist noch offen, so NASA-Sprecher Wolfgang Ball am Dienstag: "Die Entscheidung ist noch frisch, die erste Abstimmung zum Fahrplan findet am Donnerstag statt. Es bedarf aber weiterer Abstimmungsrunden, um Schritt für Schritt zu einem Fahrplan zu gelangen, der die Wünsche und Möglichkeiten berücksichtigt. Fest steht: Es ist unser Ziel, dass alle Orte an der Strecke weiterhin bedient werden."

Was in Möckern und Loburg bleibt, ist Enttäuschung und Verbitterung, verbunden mit einem Verlust an Vertrauen in die Politik: "Im Jahre 1990 wurden uns blühende Landschaften versprochen", schreibt Cornelia Schwerdfeger in einem Leserbrief an die Volksstimme: "Jetzt ist es soweit, wir können während der Fahrt Blumen pflücken, so langsam schleicht unser Zug durchs Land. Wenn die Strecke stillgelegt wird, dann erblüht die Landschaft auch zwischen den Gleisen."