Ökologie

Der Wald erzählt Geschichten

Rainer Aumann gibt einen Einblick in die Geschichte und die Besonderheiten der Forste

Von Nicole Grandt
Prägnant hebt sich eine freistehende Eiche von den Kiefern ab. Foto: Nicole Grandt

Madel

Wenn die Sonne scheint und die Natur langsam wieder grün wird, lädt der Wald zu einem Spaziergang ein. Rainer Aumann, Betriebsleiter des Bundesforstbetriebs Nördliches Sachsen-Anhalt, findet, dass sich auch oft ein zweiter Blick lohnt. „Es ist erstaunlich zu sehen, welche Geschichten der Wald erzählen kann. Denn im Wald sieht man nicht nur einfach Bäume, man kann auch sehen, was der Mensch in der Vergangenheit gemacht hat und kann herausfinden warum.“ Um dies zu unterstreichen, lädt er zu einem Rundgang durch ein Waldgebiet bei Madel ein. Dieser beginnt bei einer beeindruckend großen Eiche, die ziemlich allein am Feldweg steht. Dieser Baum ist zwischen 150 und 180 Jahre alt. „Solchen Bäumen wird mehr Platz eingeräumt, denn sie sind nicht zur Holzgewinnung gedacht, sondern dafür dass sie besonders vielen Arten ein Zuhause bieten“, berichtet Aumann. Bis zu 1000 verschiedene Arten von Lebewesen können in einem solchen Baum heimisch werden. Dazu gehören Vögel, aber auch Insekten, Pilze oder Flechten. „Die Eiche wird von vielen Lebewesen wertgeschätzt, von Mensch, Tier und anderen Lebewesen“, fügt er hinzu. Der Eiche wurde in früheren Kulturen eine besondere Rolle zugesprochen. So waren Eichen in der nordischen Mythologie beispielsweise dem Donnergott Thor geweiht. Heute hat der Donnergott zwar an Bedeutung eingebüßt, aber die Eiche ist immer noch wegen ihres hochwertigen Holzes beliebt.

Die Kartoffel führte zu Kiefernwäldern

Dennoch ist die Eiche nicht der Baum, der viele Wälder im Jerichower Land optisch am meisten prägt. Stattdessen fällt auf, dass es überaus viele Kiefern gibt. Das hat einen Grund, wie Rainer Aumann berichtet. „Im 18. Jahrhundert sahen die Wälder noch deutlich anders aus als heute. Dort standen viele Eichen, und deren Früchte wurden von Schweinen gefressen, die die Bauern in den Wald getrieben hatten“, erläutert der Bundesforst-Betriebsleiter. Dieses Büfett am Waldboden mussten die Schweinebesitzer den Grundbesitzern des Waldes allerdings bezahlen. Diese Einnahmequelle brach jedoch weg. Schuld sind Friedrich der Große und die Kartoffel. „Friedrich der Große erkannte die Vorteile der Kartoffel, die bringt vergleichsweise viel Ertrag von einer Pflanze, sie lässt sich lange lagern und bot so eine gute Möglichkeit, Armee und Bevölkerung satt zu bekommen“, gibt Aumann einen Rückblick auf die Geschehnisse. Die Bevölkerung war zunächst skeptisch, war aber nach und nach auch ähnlich begeistert von den Vorteilen des Erdapfels. Was davon übrig blieb, konnte auch das Vieh fressen.

Der Frühling erwacht am Boden

Ausflüge in den Wald wurden für Schweine somit schließlich überflüssig. „Aber der Wald sollte für deren Besitzer dennoch Gewinne abwerfen. So versuchten sie es mit dem Verkauf von Holz. Eichen nachzupflanzen lohnte sich jedoch nicht, da diese rund 80 Jahre brauchen, um eine Größe zu erreichen, um ausreichend Holz abzuwerfen. Kiefern schaffen das in 30 Jahren. Also wurden diese vermehrt angepflanzt und prägen bis heute das Erscheinungsbild des Waldes“, führt Aumann weiter aus. Wer derzeit einen Waldspaziergang macht, wird frisches Grün vor allem am Waldboden sehen. „Die Natur erwacht im Frühling sozusagen in Stufen“, erklärt Aumann dieses Phänomen. „Zuerst grünen und blühen die Pflanzen am Waldboden, wenn sie noch genug Licht bekommen, solange dies durch die noch eher kahlen Baumkronen fällt. Anschließend sind die Sträucher an der Reihe und schließlich tragen die höchsten Pflanzen ein grünes Blätterdach.“

Doch im Wald kann nicht nur das jährliche Erwachen der Natur beobachtet werden, der Wald ermöglicht auch einen Blick in die Vergangenheit. „Die Wälder, in denen wir jetzt stehen, wurden vor einigen Generationen angepflanzt, nach den damals herrschenden Ansichten und Bedürfnissen. In den Zeiten nach den Weltkriegen ging es vor allem darum, schnell an den Rohstoff Holz zu kommen. Ökologische Gedanken standen da wirklich nicht im Vordergrund.“ Das ist heute anders. Rund zehn Prozent der Wälder des Bundesforstes wurden aus der wirtschaftlichen Nutzung herausgenommen, dort darf sich die Natur frei entfalten. „Bäume, die umfallen bleiben liegen und bieten anderen Arten ein Zuhause, verschiedene Arten von Pflanzen und Bäumen wachsen hier und bilden einen Wald voller Artenvielfalt.“ Aumann vermutet, dass ein solcher Wald eine ähnliche Artenvielfalt aufweisen kann wie ein sogenannter Urwald, von dem es in Deutschland ohnehin nur noch sehr wenige gibt. „Rund ein Drittel von Deutschland ist von Wald bedeckt, hier im Jerichower Land sieht es ähnlich aus. Nur noch etwa ein Prozent des Waldes in Deutschland ist Urwald.“

Mensch hat Spuren hinterlassen

Der Mensch hat in den Wäldern nicht nur wegen der Holznutzung Spuren hinterlassen. Zwischen den Bäumen tauchen einige teils verfallene Gebäude auf. „Das sind Gebäude, die von russischen Soldaten genutzt wurden, beispielsweise bei Schießübungen. Rund um diese Häuschen gab es noch vor Jahrzehnten gar keinen Wald, dort war ein Schießübungsplatz.“ Davon ist nichts mehr zu sehen, ein dichter Pflanzenwuchs lässt nicht vermuten, dass dieser Ort mal für militärische Zwecke genutzt wurde. „Wie so oft im Leben lohnt sich im Wald ein zweiter Blick, um viele interessante Geschichten zu erfahren.“

Viele Wälder im Jerichower Land beheimaten Kiefern. Das hat einen bestimmten historischen Grund.
Foto: Nicole Grandt